Autor: Der Mann hinter dem Bericht
Rund 60 Inseln zählen zu den Britischen Jungferninseln – und fast jede hat ihre eigene Geschichte und Anekdote. Wenn nicht, wird die Insel heute meist für Luxusresorts genutzt – da kann der Tagessatz durchaus fünfstellige Summen erreichen, so wie auf den beiden Privatinseln von Virgin-Eigentümer Sir Richard Branson. Die Britischen Jungferninseln leben heute vor allem vom Tourismus – und dem Offshore-Banking, dessen Grenzen zur Geldwäsche in der Praxis oft verschwimmen. Wer im Rahmen einer Kreuzfahrt nach Tortola kommt, erkundet die Gegend am besten per Bootsaufflug.
Kaum hat das Boot abgelegt, öffnet sich der Blick auf ein Archipel. Die Küstenlinie von Tortola gleitet vorbei, dahinter tauchen kleinere Inseln auf – jede mit eigenem Charakter, jede mit eigener Geschichte. Schon früh richtet sich der Blick auf eine der berühmtesten Inseln der Region: Norman Island, die bis heute als „Schatzinsel“ gilt. Hier soll der Legende nach einst Piratenschatz vergraben worden sein, inspiriert von alten Berichten und später weltberühmt gemacht durch Robert Louis Stevensons „Treasure Island“. Die Hügel wirken harmlos, fast idyllisch, doch die Erzählungen von verstecktem Gold und geheimen Höhlen liegen über der Insel wie ein unsichtbarer Schleier. Während das Boot vorbeigleitet, scheint es fast, als halte das Wasser seine Geheimnisse noch immer fest. Weiter draußen ziehen Salt, Peter und weitere kleine Eilande vorbei. Die See liegt ruhig, und doch schwingen in den Erzählungen des Guides raue Zeiten mit. Immer wieder fällt der Name eines Mannes, der wie kaum ein anderer die Fantasie bis heute befeuert: Blackbeard. Vor der Küste von Peter Island kommt das Boot nahe an einen schmalen, von Palmen gesäumten Strand heran – Dead Man’s Beach. Der Name klingt düster, und seine Herkunft ist es auch. Einer Legende zufolge soll hier einst ein Pirat beeindruckt von der Furchtlosigkeit der Bewohner ausgerufen haben, dies sei ein Ort für „dead men“, für Männer ohne Angst vor dem Tod. Andere Erzählungen berichten von 16 Seeleuten Blackbeards, die auf diese Insel schwimmen wollten und dabei ertranken. Gewiss ist nur: Der Name hat sich gehalten – und steht in starkem Kontrast zu dem friedlichen Bild, das der Strand heute abgibt, mit seinem hellen Sand und dem kristallklaren Wasser.
Die Fahrt führt weiter vorbei an unbewohnten Inseln, an stillen Buchten, in denen nur der Wind durch die Palmen streicht. Schließlich kommt St. John in Sicht, jene üppig grüne Insel, die von Laurance Rockefeller als Naturreservat für kommende Generationen erhalten wurde. Das satte Grün reicht hier bis dicht ans Wasser, als wolle es das Meer umarmen. Nach all den Piratengeschichten wirkt dieser Anblick fast wie ein versöhnlicher Gegenpol. Der Landgang erfolgt in Soper’s Hole, dem historischen Ankunftsort der ersten europäischen Siedler auf Tortola. Heute ist davon nichts Düsteres mehr zu spüren. Stattdessen säumen bunte Boutiquen, kleine Souvenirläden und Cafés die hölzerne Promenade. Man schlendert über den Boardwalk, entdeckt handgefertigten Schmuck, karibische Gewürze, bunte Stoffe. Segelboote wiegen sich träge im Wasser, und für einen Moment scheint die Zeit hier langsamer zu laufen. Mit dem Bus geht es dann entlang der Nordküste von Tortola zurück Richtung Kreuzfahrthafen. Kleine Fischerdörfer ziehen vorbei, Netze trocknen in der Sonne, Boote liegen auf dem Sand. Die Straße windet sich allmählich bergauf, bis sie schließlich zur berühmten Ridge Road wird. Hier oben öffnet sich der Blick in die Weite: Tortola liegt plötzlich zu Füßen, umgeben von Inseln, die wie hingetupft im Meer liegen. Der Wind ist frischer, die Luft klarer, und an den Aussichtspunkten greift fast jeder automatisch zur Kamera – wohl wissend, dass kein Foto dieses Panorama wirklich einfangen kann. Auch eine bunt bemalte Mauerstrecke mit Szenen des Insellebens und seiner Geschichte zählt zu den Sehenswürdigkeiten. Der letzte Abschnitt der Fahrt führt wieder hinab in Richtung Road Town. Nach stillen Stränden, Piratenlegenden und luftigen Höhen wirkt das geschäftige Treiben der Hauptstadt beinahe fremd.








































