Autor: Der Mann hinter dem Bericht
Am Westufer des Nils – dort, wo das fruchtbare Grün des Niltals abrupt in das lebensfeindliche Ockergelb der Wüste übergeht – liegt eines der kühnsten Bauwerke der Antike. Der Totentempel der Hatschepsut, von den alten Ägyptern Djeser-Djeseru – „Heiligstes der Heiligsten“ – genannt, bricht radikal mit der Tradition seiner Zeit. Während andere Tempel sich hinter gewaltigen Pylonen verstecken, schmiegt sich dieses Monument in drei gewaltigen Terrassen direkt an die steil aufragenden Kalksteinfelsen von Deir el-Bahari.
Wer sich dem Tempel über die weite Rampe nähert, spürt sofort die architektonische Vision von Senenmut, dem genialen Baumeister und engen Vertrauten der Königin. Die strengen horizontalen Linien der Pfeilerhallen korrespondieren perfekt mit den vertikalen Klüften der Felswand dahinter. Es ist, als hätte der Stein selbst Form angenommen, um einer Frau zu huldigen, die das Unmögliche wagte: Sie regierte als Pharao in einer Welt, die für Männer geschaffen war. Hatschepsut, die nach dem Tod ihres Mannes Thutmosis II. zunächst die Regentschaft für ihren minderjährigen Stiefsohn übernahm, krönte sich schließlich selbst. Um ihre Herrschaft zu legitimieren, ließ sie in diesem Tempel die Legende ihrer göttlichen Geburt in Stein meißeln. Die Reliefs erzählen davon, wie der Gott Amun-Re selbst in Gestalt ihres Vaters erschienen sei, um sie zu zeugen. Es war eine meisterhafte PR-Kampagne der Antike, die ihren Anspruch auf den Thron zementieren sollte.
Wer jedoch heute durch die Hallen wandert, stößt auf ein seltsames Phänomen: An vielen Stellen sind die Reliefs der Königin grob aus dem Stein geschlagen worden. Wo einst das Antlitz einer stolzen Herrscherin prangte, klaffen heute nur noch leere, pickelige Vertiefungen und man kann das Bildnis der Pharaonin nur erahnen. Lange Zeit glaubte die Forschung an einen Racheakt ihres Stiefsohnes Thutmosis III., der Jahrzehnte auf seine Thronbesteigung warten musste. Die moderne Ägyptologie zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild. Die Damnatio memoriae, die Auslöschung des Andenkens, erfolgte erst gegen Ende der Regierungszeit von Thutmosis III., etwa 20 Jahre nach Hatschepsuts Tod. Es war vermutlich kein persönlicher Hass, sondern ein politisches Kalkül. Indem man die Bildnisse der weiblichen Pharaonin tilgte, wollte man die legitime männliche Thronfolge wiederherstellen und den „Präzedenzfall“ einer Frau auf dem Horus-Thron aus den Annalen der Geschichte streichen. Man wollte die göttliche Ordnung (Ma’at) schützen, in der ein weiblicher Pharao schlicht nicht vorgesehen war.
Trotz dieser antiken Zensur ist die Aura der Pharaonin in Deir el-Bahari allgegenwärtig. Besonders eindrucksvoll ist die Punt-Halle. Die dortigen Reliefs dokumentieren die berühmte Handelsexpedition, die Hatschepsut an die Küste des heutigen Somalia entsandte. Man sieht Schiffe, die mit Myrrhe-Bäumen, Elfenbein und exotischen Tieren beladen werden – Zeugnisse einer Ära des Wohlstands und des Friedens.
Der Hatschepsut-Tempel ist mehr als nur eine Ruine; er ist ein Denkmal für den Mut, sich über gesellschaftliche Normen hinwegzusetzen. Obwohl ihre Nachfolger versuchten, ihren Namen aus dem Gedächtnis der Menschheit zu tilgen, haben sie letztlich das Gegenteil bewirkt. Die schiere Schönheit ihres Tempels sorgt dafür, dass die Geschichte der Frau, die ein Gott sein wollte, auch heute noch – Jahrtausende später – von Millionen Menschen gehört wird.
Weitere, beeindruckende Aufnahmen des Luxor-Tempels und des Tempels der Hatschepsut gibt es über den privaten Facebook-Account des Autors unter https://bit.ly/4syihFK.



