Tal der Könige und Tal der Königinnen

Bild von Michael Althoff

Michael Althoff

Autor: Der Mann hinter dem Bericht

Tal der Könige und Tal der Königinnen

Das Tal der Könige ist kein Ort der Stille, auch wenn es an sich ein Friedhof ist. Es ist ein Ort des gleißenden Lichts, der flimmernden Hitze und einer fast greifbaren Ewigkeit. Hier, im Schatten des pyramidenförmigen Berggipfels El-Qurn, verbargen die Pharaonen des Neuen Reiches über 500 Jahre lang ihre mumifizierten Körper und ihre unermesslichen Schätze. Im Eintritt inkludiert ist der Besuch von drei Grabkammern, die alle mit KV für Kings Valley und einer Nummer bezeichnet werden. Das Grab des Tutenchamun kostet extra – und man darf angesichts des monumentalen, neuen Grand Egyptian Museums gespannt sei, wie lange man dort noch die Mumie des auf English liebevoll „King Tut“ genannten, gerade in Europa besonders bekannten Pharaos antreffen wird.

 

Die Geometrie des Jenseits: Ramses IV. (KV 2)

Der Einstieg in die Unterwelt beginnt für viele Besucher im Grab von Ramses IV. Es ist eines der am besten zugänglichen Gräber und besticht durch seine monumentale Klarheit. Im Gegensatz zu den verwinkelten Korridoren früherer Dynastien ist KV 2 fast schnurgerade in den Fels getrieben. Der Weg führt sanft bergab, flankiert von Reliefs, die so frisch wirken, als sei die Farbe erst gestern getrocknet. Die Wände sind ein Katalog des ägyptischen Jenseitsglaubens. Hier begegnet man dem „Buch der Höhlen“ und dem „Buch der Pforten“, jenen kryptischen Texten, die dem verstorbenen König helfen sollten, die Gefahren der Nacht zu überstehen. Besonders beeindruckend ist die Decke der Grabkammer: Die Himmelsgöttin Nut spannt sich als tiefblaues Gewölbe über den gewaltigen Granitsarkophag, ihren Körper mit goldenen Sternen besät. Es ist eine Architektur, die den Übergang vom Irdischen zum Kosmischen physisch spürbar macht.

 

Ein spätes Echo der Macht: Ramses IX. (KV 6)

Nur ein kurzes Stück weiter liegt das Grab von Ramses IX. Es stammt aus einer Zeit, in der das ägyptische Reich bereits erste Risse zeigte, doch die Kunstfertigkeit der Handwerker war ungebrochen. Der Eingangsbereich ist außergewöhnlich breit und hoch, was den Blick auf die feinen Details der Wandmalereien lenkt. Besonders faszinierend sind hier die Darstellungen des „Buches der Erde“. Man sieht, wie die Sonne nachts durch den Körper der Unterwelt wandert, um morgens neu geboren zu werden. Die Symbolik der Regeneration ist überall präsent – ein verzweifelter, steinerner Wunsch nach Kontinuität in einer instabilen Ära. Obwohl das Grab bei weitem nicht die Tiefe früherer Anlagen erreicht, entschädigt die Qualität der Dekoration für die fehlende Monumentalität.

 

Der Harfenspieler und die Söhne: Ramses III. (KV 11)

Das Grab von Ramses III., oft als „Grab der Harfenspieler“ bezeichnet, gehört zu den komplexesten und farbenprächtigsten Anlagen des Tals. Ursprünglich von seinem Vater begonnen und nach einem Baufehler (man stieß versehentlich in ein benachbartes Grab vor) korrigiert, bietet KV 11 eine Besonderheit: kleine Nebenkammern entlang des Hauptkorridors. In diesen Kammern finden sich Szenen aus dem täglichen Leben, die in anderen Gräbern selten sind: Darstellungen von Waffen, kunstvollen Möbeln und eben jenen berühmten blinden Harfenspielern, die dem Grab seinen Namen gaben. Ramses III. war der letzte große Kriegerpharao, und sein Grab spiegelt diesen Stolz wider. Die Farben – kräftiges Ocker, leuchtendes Blau und tiefes Rot – haben die Jahrtausende in einer Weise überdauert, die jeden modernen Restaurator vor Neid erblassen lässt.

Die Legende vom Gold: Tutenchamun (KV 62)

Es ist ironisch, dass das berühmteste Grab des Tals gleichzeitig eines der kleinsten und am wenigsten dekorierten ist. Wer die Stufen zu Tutenchamun hinabsteigt, erwartet Goldglanz, findet aber eine enge, fast bescheidene Ruhestätte. Doch die historische Bedeutung wiegt schwerer als jede Architektur. Als Howard Carter 1922 das Siegel erbrach, fand er das einzige nahezu unberührte Königsgrab des Tals. Die Grabkammer selbst ist als einzige dekoriert. Die Wände zeigen die Bestattungsprozession und den jungen König, wie er von den Göttern in der Unterwelt empfangen wird. Das Highlight ist jedoch die physische Präsenz: In seinem äußeren Sarkophag ruht noch heute die Mumie des Kindkönigs, geschützt durch eine Glasvitrine. Es ist ein intimer Moment der Geschichte. Man blickt nicht auf eine Statue, sondern auf den Menschen selbst, dessen kurzer Name zur Chiffre für den gesamten ägyptischen Totenkult wurde.

Das Tal der Königinnen

Auf der anderen Seite des Bergkamms – man könnte die Region auch zu Fuss vom Tal der Könige aus erreichen – lässt man die großen Touristenströme hinter sich und erreicht das Biban el-Harim – das Tal der Königinnen. Nun werden die Gräber mit QV für Queens Valley bezeichnet. Es ist kleiner, intimer und wirkt durch die enge Schlucht fast noch geheimnisvoller als das Tal der Könige. Hier wurden nicht nur Königinnen, sondern auch Prinzen und hohe Hofbeamte beigesetzt. Das Grab der Königin Titi ist ein Juwel der 20. Dynastie. Obwohl die Malereien über die Jahrhunderte gelitten haben, erkennt man noch immer die Eleganz der Darstellungen. Titi wird oft mit einer eigenwilligen Frisur und einer Art Kindchenschema dargestellt, was ihr eine fast moderne Ausstrahlung verleiht. Die Reliefs zeigen sie vor den Göttern der Unterwelt, wobei die Farben – besonders die Pastelltöne der Gewänder – eine Sanftheit ausstrahlen, die im krassen Gegensatz zum martialischen Pomp der Königshöfe steht. Eines der berührendsten Gräber in ganz Luxor ist das des Prinzen Amonchopeshfu, eines Sohnes von Ramses III. Der Prinz starb in jungen Jahren, und das Grab ist eine einzige Liebeserklärung seines Vaters. Die Farben in QV 55 sind von einer Qualität, die fast unwirklich erscheint: Das Ultramarinblau der Hintergründe ist so satt, dass man meint, in den Nachthimmel zu blicken. Besonders bewegend sind die Szenen, in denen der gewaltige Pharao Ramses III. seinen kleinen Sohn an der Hand nimmt und ihn den Göttern vorstellt. Der Kontrast zwischen der Macht des Vaters und der Schutzbedürftigkeit des Kindes, das mit der typischen Jugendlocke dargestellt wird, verleiht diesem Ort eine menschliche Tiefe, die über die reine Religionsausübung hinausgeht. In einer Nebenkammer des Grabes findet sich zudem ein Fötus in einem Glaskasten – ein stummer Zeuge der hohen Kindersterblichkeit, die selbst vor den Mauern des Palastes nicht Halt machte.

  

In der Hitze von Theben-West wird deutlich, mit welcher Besessenheit die Ägypter gegen das Vergessen ankämpften. Jedes Grab ist eine steinerne Versicherungspolice für das Jenseits, ein Versuch, die eigene Identität durch Kunst und Hieroglyphen in die Unendlichkeit zu retten. Während das Tal der Könige durch die schiere Pracht der Herrscher beeindruckt, bietet das Tal der Königinnen mit Gräbern wie dem des Amonchopeshfu einen Einblick in die emotionalen Schichten der pharaonischen Gesellschaft. Zusammen bilden sie das größte Open-Air-Museum der Welt – ein Ort, an dem die Grenze zwischen Gestern und Heute im flimmernden Licht der Wüste verschwimmt.

 

 

Viele weitere Fotos zum Tal der Könige und seiner Gräber sowie dem Tal der Königinnen gibt es auf dem privaten Facebook-Account des Autors unter https://bit.ly/47fAX4x.