Ein Besuch in der Destillerie Bonne-Mère

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Michael Althoff

Autor: Der Mann hinter dem Bericht

Tradition trifft Moderne

Im Norden von Basse-Terre auf Guadeloupe, eingebettet zwischen den majestätischen Bergen der Region Sainte-Rose und dem azurblauen Wasser des Grand Cul-de-Sac Marin, liegt ein Herzstück der guadeloupischen Industriegeschichte: die Destillerie Bonne-Mère (DBM). Während viele Besucher auf der Insel nach den klassischen „Rhum Agricole“-Brennereien suchen, bietet Bonne-Mère einen faszinierenden Einblick in die Welt des traditionellen Melasse-Rums und beweist, dass industrielle Größe und handwerkliche Finesse keine Gegensätze sein müssen.

 

Die Wurzeln von Bonne-Mère reichen weit zurück in die Kolonialzeit. Ursprünglich als Zuckerplantage („Habitation“) am Ende des 18. Jahrhunderts gegründet, markiert das Jahr 1863 den offiziellen Wendepunkt zur Destillerie. Über die Jahrzehnte entwickelte sich der Standort zum größten Produzenten der Insel. Heute ist das Unternehmen ein wichtiger Pfeiler der lokalen Wirtschaft und gehört zur Gruppe La Martiniquaise. Es ist eng verzahnt mit der Zuckerfabrik Gardel in Le Moule – der letzten verbliebenen Zuckerfabrik auf Guadeloupe –, von der Bonne-Mère die wertvolle Melasse bezieht.

 

Von der Melasse zum flüssigen Gold

Im Gegensatz zum Rhum Agricole, der direkt aus frisch gepresstem Zuckerrohrsaft gewonnen wird, spezialisiert sich Bonne-Mère auf den sogenannten Rhum Traditionnel. Der Prozess beginnt mit der Fermentation der Melasse, einem dicken, dunklen Sirup, der bei der Zuckerherstellung übrig bleibt. In der Destillerie wird diese Melasse mit lokalen Hefestämmen über einen Zeitraum von 30 bis 72 Stunden vergoren. Interessanterweise erfolgt dies in offenen Gefäßen, so dass man den Gärprozess im Rahmen einer Führung bestens beobachten kann. Diese langsame Fermentation ist entscheidend für die Entwicklung der komplexen Ester und Aromen, die den Charakter des Rums prägen. Die anschließende Destillation findet in beeindruckenden Kupfer-Mehrstufenkolonnen statt. Hier entsteht ein Destillat mit einem Alkoholgehalt von etwa 80 %, das die perfekte Balance zwischen Reinheit und aromatischem Reichtum hält.

 

Ein besonderes Highlight der Produktion sind die riesigen Reifekeller – die allerdings ebenerdig in Hallen angelegt sind. Mit tausenden Eichenfässern (hauptsächlich Ex-Bourbon-Fässer aus den USA, aber auch französischen Fässern) beherbergt Bonne-Mère einen der größten Bestände der Überseegebiete. Hier lagern auch historische Schätze: Die Destillerie rettete die letzten Gärbottiche der legendären, 1980 geschlossenen Darboussier-Fabrik und bewahrt so über 80 Jahre Rum-Erbe. Zunächst lagert der Rum in großen Bottichfässern, bevor er für spezielle Sorten in die kleineren Bourbon- oder Weinfässer umgefüllt wird.

 

Die Vielfalt im Glas: Von Transparent bis XO

Lange Zeit war Bonne-Mère vor allem als Zulieferer für bekannte Marken wie Negrita, Fajou oder Old Nick bekannt. Doch in den letzten Jahren hat das Unternehmen unter dem Label DBM eine eigene Prestige-Linie etabliert, die Kenner weltweit begeistert:

  • Rhum Blanc: Die weißen Rums reifen nach der Destillation mehrere Wochen in Tanks, um ihre blumigen und würzigen Noten zu harmonisieren.
  • VSOP (Very Superior Old Pale): Ein Blend, der mindestens vier Jahre in Eichenfässern gereift ist und durch Noten von Vanille und Karamell besticht.
  • XO (Extra Old): Das Aushängeschild des Hauses. Dieser Rum zeichnet sich durch eine tiefe Bernsteinfarbe und komplexe Aromen von Trockenfrüchten und exotischen Gewürzen aus.
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Zusätzlich ist die Destillerie für ihre handgemachten Punches und den berühmten „Rum-Baba“ bekannt, die in der hauseigenen Boutique angeboten werden.

 

Ein Blick hinter die Kulissen der Rumherstellung

Wer die Destillerie besucht, erlebt keinen musealen Stillstand, sondern einen lebendigen Industriebetrieb. Die geführten Touren, die meist von leidenschaftlichen geleitet werden, dauern etwa 90 Minuten. Sie werden sowohl rein auf französisch als auch in der Kombination französisch-englisch angeboten. Eine Reservierung vorab ist dringend empfehlenswert, denn der Zutritt zur Anlage ist strikt reglementiert.  Besucher werden durch die gesamte Anlage geführt – vorbei an den dampfenden Kolonnen bis hin in die kühlen, nach Holz und Zucker duftenden Lagerhäuser. Dabei wird besonderer Wert auf die Erläuterung der ökologischen Transformation gelegt: Bonne-Mère gilt heute als Pionier in Sachen Energieeffizienz und Nachhaltigkeit auf Guadeloupe. Tickets kann man vorab online über die Website des Unternehmens buchen. Jede Tour endet mit einer ausgiebigen Verkostung der verschiedenen Cuvées in der Boutique. Dabei lernt man, dass mit zunehmendem Alter des Rums der Alkoholgeschmack immer stärker durch vielfältige Aromen in den Hintergrund gedrängt wird. Besonders interessant: Führungen durch die Destillerie werden erst seit 2025 angeboten – trotz seiner langen Unternehmenstradition ist ein Destilleriebesuch daher auch für viele Guadeloupe-Wiederholer ein neues Erlebnis.

 

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Ein Besuch der Destillerie Bonne-Mère ist ein sensorisches Erlebnis, das die Geschichte Guadeloupes schmeckbar macht. Zwischen moderner Technik und jahrhundertealten Fässern findet man hier den wahren Geist von Sainte-Rose.