Das Amish Village in Lancaster, PA.

Bild von Michael Althoff

Michael Althoff

Autor: Der Mann hinter dem Bericht

Zwischen Entschleunigung und Tradition

Das Klappern von Pferdehufen auf dem Asphalt kündigt die Begegnung an, bevor das Gefährt überhaupt zu sehen ist: Nur eine gute Autostunde westlich von Philadelphia verlangsamt sich der Rhythmus der Welt spürbar. Wer nach Lancaster County im US-Bundesstaat Pennsylvania reist, taucht ein in eine Kultur, die sich dem rasanten Tempo der Moderne bewusst entzieht. Dass sich dieser, aus Sicht der meisten Menschen eher entschleunigte Lebensstil bis heute erhalten hat, liegt an den Werten der Amishen und ihrem starken Fokus auf Tradition. Ihre Wurzeln reichen tief in das turbulente Europa des 16. Jahrhunderts zurück. Während der Reformation spaltete sich die täuferische Bewegung ab, die die Kindstaufe ablehnte und eine strikte Trennung von Kirche und Staat forderte. Im Jahr 1693 kam es in der Schweiz und im Elsass zum entscheidenden Schisma: Der Schweizer Bischof Jakob Ammann forderte eine noch strengere Kirchendisziplin, eine schlichte Lebensweise und das konsequente Meiden von exkommunizierten Mitgliedern. Seine Anhänger nannten sich fortan Amische. Wegen extremer religiöser Verfolgung wanderte die Gemeinschaft ab dem 18. Jahrhundert schrittweise nach Nordamerika aus – vor allem nach Pennsylvania, wo William Penn Glaubensfreiheit garantierte. Da diese Region seinerzeit von Auswanderern aus Großbritannien dominiert wurde, bezeichnen die Amishen bis heute alle Nicht-Amish-Einwohner der Region als „Briten“.

 

Das Glaubensfundament der Amischen stützt sich auf das Prinzip der Demut und die strikte Ablehnung von Stolz und Hochmut. Sie besitzen keine Prachtkirchen; Gottesdienste finden im zweiwöchentlichen Rhythmus rotierend in den Wohnhäusern und Scheunen der Gemeindemitglieder statt. Das Zusammenleben regelt die sogenannte Ordnung – ein ungeschriebener Verhaltenskodex, der von jeder einzelnen Gemeinde (District) spezifisch ausgelegt und bewahrt wird. Die Ablehnung moderner Technologien ist für die Amischen kein bloßer Rückschritt aus Prinzip, sondern ein bewusster Schutzschild. Das öffentliche Stromnetz, Autos oder Smartphones werden abgelehnt, weil sie als Bedrohung für den Zusammenhalt der Familie und den Frieden der Gemeinde wahrgenommen werden. Dadurch kann man auf einer Tour entlang der Straßen Lancasters bis heute leicht erkennen, welche Häuser von Amishen bewohnt werden: sie sind nicht an das überirdische Strom- oder Telefonnetz angeschlossen, manchmal gibt es jedoch in Straßennähe auf dem Grundstück eigene Telefonhäuschen, die wie Miniaturausgaben von Scheuen aussehen. Bis heute prägen traditionelle Werte den Alltag:  Das Leben dreht sich um die Großfamilie und gegenseitige Hilfe. Symbolisch hierfür steht das gemeinsame Errichten einer Scheune an nur einem Tag (Barn Raising). Im Alltag sprechen die meisten Amischen Pennsylvania Dutch, einen historischen pfälzisch-deutschen Dialekt. Die reguläre Schulbildung endet nach der achten Klasse, um den Fokus auf landwirtschaftliche, handwerkliche und häusliche Fähigkeiten zu legen. Im Jugendalter durchlaufen junge Amische die Phase der Rumspringa. Sie erhalten Einblicke in die moderne Welt außerhalb der Gemeindegrenzen, bevor sie sich mit der Erwachsentaufe bewusst und lebenslang zur amischen Lebensweise bekennen – oder die Gemeinschaft verlassen und in die moderne Gesellschaft überwechseln. Durch diese konsequente Bewahrung ihrer Traditionen bleibt die amische Kultur bis heute ein faszinierendes Gegenmodell zur modernen Konsumgesellschaft – tief verwurzelt im Glauben und getragen von ländlicher Gemeinschaft.

 

Mitten in dieser sanft geschwungenen Hügellandschaft bietet The Amish Village einen der authentischsten und zugleich respektvollsten Einblicke in das Alltagsleben der amischen Gemeinschaft der „Old Order“.

 

Die Backroads Bus Tour

Wer das amische Leben über die Museumsgrenzen hinaus verstehen möchte, kombiniert den Aufenthalt mit der 90-minütigen Backroads Bus Tour. In Kleinbussen geht es abseits der stark frequentierten Hauptstraßen tief hinein in das ländliche Hinterland von Lancaster County. Die Fahrt führt vorbei an akkurat gepflegten Höfen mit prächtigen Gemüsegärten, den charakteristischen grauen und schwarzen Pferdekutschen (Buggies) und den weithin sichtbaren Windrädern. Der Guide erläutert während der Fahrt die landwirtschaftlichen Traditionen – vom Anbau von Tabak und Mais bis hin zur pferdebetriebenen Feldarbeit. Oft führt die Route entlang historischer, überdachter Holzbrücken (Covered Bridges) und beinhaltet Zwischenstopps an von Amischen geführten Hofläden. Hier kann man frisches Root Beer, hausgemachte Pretzels und Chips oder den traditionellen Shoofly Pie (einen süßen Melasse-Kuchen) direkt von den Erzeugern erwerben. Auch Deko-Artikel und Haushaltsausstattung werden angeboten. Wichtige Regel: man darf alles fotografieren, wer jedoch auch Amishe ablichten möchte, sollte diese vorher unbedingt um ihr Einverständnis fragen – und nicht enttäuscht sein, wenn die Mehrzahl dies ablehnen wird und sich vor dem Drücken des Auslösers aus dem Bildausschnitt entfernt.

Die Amish Farmhouse & Village Tour

Der Besuch auf dem zwölf Hektar großen Museumsgelände, dessen Mittelpunkt ein historisches Bauernhaus aus dem Jahr 1840 bildet, rundet den Einblick in diese traditionelle Lebensweise ab. Während der rund 25-minütigen Führung durch das Wohnhaus vermitteln erfahrene Guides fundierte Einblicke in das Leben der amischen Familien. Die Räume sind bewusst schlicht gehalten: Keine Steckdosen an den Wänden, keine Fernseher, keine aufwändige üppige Dekoration. Stattdessen erklären die Führungen anschaulich, wie Propan- und Druckluftlampen für Licht sorgen, wie die Kleidung nach den strengen Regeln der Ordnung geschneidert wird und warum Spiegel oder Porträtfotos aus religiösen Gründen fehlen.

 

Nach der Hausführung lässt sich das Dorfgelände auf eigene Faust erkunden. Auf verschlungenen Wegen passiert man eine traditionelle einklassige Schule (One-Room Schoolhouse), in der amische Kinder bis zur achten Klasse gemeinsam unterrichtet werden. In der Schmiede und im Räucherhaus wird altes Handwerk lebendig, während im Stall Ziegen, Pferde und Hühner auf Streicheleinheiten warten. Im integrierten Handwerksladen bieten lokale amische Familien handgefertigte Quilt-Deckenseinsteller, Holzarbeiten und Marmeladen an.

 

(Fotos einfügen Village)

Kein Ausflug ins Amisch-Land ist komplett ohne eine handwerkliche Erfrischung – hier wird schon seit Jahrhunderten nach den Prinzipien dessen gearbeitet, was heute in der modernen Welt unter dem Label „Bio“ angeboten wird.. Auf dem nicht zum Village gehörenden, rund 10 Autominuten entfernten Areal lädt die Down on the Farm Creamery zu einer kulinarischen Pause ein. Das Eis wird hier nach traditionellen Rezepturen direkt aus der frischen Milch lokaler Weidekühe hergestellt.

 

Die Cremigkeit und Intensität der Sorten – von klassischer Vanille über reichhaltiges Peanut Butter Butterscotch bis hin zu saisonalen Beeren-Kreationen – machen die Eisdiele zu einem echten Publikumsmagneten. Auf den Holzfeuerstellen und Picknickbänken des Hofes lässt sich der Tag mit Blick über die grünen Weiden ideal ausklingen. Auch die zahlreichen anderen Farmprodukte – besonders gut gefallen haben uns die Spreads, die man auf Bagel oder Brot schmiert – sind nicht nur schmackhaft, sondern auch gesund. Gleiches gilt für den Honig, der hier ebenfalls angeboten wird.

 

Ein Besuch im Amish Village ist nicht nur eine kleine Zeitreise, sondern auch eine Geschichtsstunde. Hier kann man erleben, wie Menschen sich bewusst für ein Leben abseits moderner Technologien entschieden haben – und doch akzeptieren, dass diese Technik in anderen Welten längst Einzug gehalten hat. Daher hängt es auch von Gemeinde zu Gemeinde ab, ob und in welchem Umfang moderne Technologie Einzug in die Haushalte und Geschäfte gehalten hat. So gibt es Gemeinden, in denen elektrische Waschmaschinen gestattet sind – und andere, in denen man weiterhin von Hand wäscht. Gleiches gilt für Computer: für rein geschäftliche Zwecke wie Korrespondenz oder Rechnungserstellung sind diese vielerorts zugelassen, aber längst nicht überall. Ein Besuch in dieser Region zeigt: längst, bevor moderne Zivilisationen den Begriff des „Aussteigens“ geprägt haben, war diese Haltung Kern der Amishen-Kultur. Ein Besuch zeigt jedoch auch, wie herausfordernd es ist, diesen bewusst gewählten Lebensstil in der sich rasant verändernden Welt um die traditionelle Kultur herum zu bewahren und an den eigenen Werten festzuhalten. Dennoch: nach Aussagen des Guides auf unserer Bustour entscheiden sich rund 90 Prozent der Rumspringa, ihr Leben dauerhaft bei ihren Gemeinden fortzusetzen – gerade in den heutigen Zeiten ein Beispiel dafür, dass Werte den Menschen weiterhin Halt und Orientierung bieten, auch wenn nicht jeder Mitbürger diese teilt.