Das Schlachtfeld von Gettysburg

Bild von Michael Althoff

Michael Althoff

Autor: Der Mann hinter dem Bericht

Wo die Geschichte den Atem anhält

Sanfte, grün bewachsene Hügel, verstreute Eichenhaine und ein kaum endender Blick über die grasbedeckten Flächen Pennsylvanias – auf den ersten Blick wirkt das Terrain rund um das Städtchen Gettysburg wie eine idyllische Vorzeigelandschaft. Erst beim Betreten des Geländes enthüllt der Gettysburg National Military Park seine dramatische Identität: Mehr als 1.300 Denkmäler, schwarze Gusseisenkanonen und historische Steinmauern überziehen das Areal. Hier prallten vom 1. bis 3. Juli 1863 über 160.000 Soldaten aufeinander. Mit mehr als 51.000 Gefallenen, Verwundeten und Vermissten war es die blutigste Schlacht auf dem nordamerikanischen Kontinent und der entscheidende Wendepunkt im Amerikanischen Bürgerkrieg.

 

Für den Einstieg wählt man am besten das modern gestaltete Visitor Center, das Gettysburg Museum of the American Civil War. Die Ausstellungsräume bergen tausende Originalexponate: von zerfurchten Regimentsfahnen und blutbefleckten Uniformen über persönliche Feldtagebücher bis hin zu Chirurgenbesteck aus den Lazaretten. Das emotionale Herzstück der Indoor-Ausstellung ist jedoch das Gettysburg Cyclorama. Das 1884 vom französischen Maler Paul Philippoteaux geschaffene, 115 Meter lange und 12 Meter hohe 360-Grad-Rundgemälde versetzt Besucher mitten in die Hölle des dritten Schlachtstages. Eine dynamische Licht- und Soundinszenierung erweckt die plastisch ausgearbeitete Landschaft mit echten Geschützwagen im Vordergrund zu beklemmendem Leben.

 

Die verschiedenen Bereiche des ehemaligen Schlachtfelds erkundet man am besten auf einer Selbstfahrertour, zu der es kostenlos einen Audioguide der Parkverwaltung gibt. Die beste Route führt chronologisch von Tag 1 bis Tag 3 entlang der einzelnen Gebiete, man kann natürlich auch seine eigene Route wählen. Am beeindruckendsten ist die Route am späten Nachmittag bis hin zum Sonnenuntergang – danach schließt der Park, aber die meisten Gedenkstätte erscheinen dann in einem besonderen Licht.

Tag 1: Der ungewollte Auftakt im Westen und Norden

Der erste Tag begann eher ungewollt am McPherson Ridge westlich der Stadt, als Konföderierte auf der Suche nach Vorräten überraschend auf Unionskavallerie stießen. Zu sehen sind heute:

John Burns Statue: Auf diesem Feld steht das Denkmal für John Burns, einen 69-jährigen lokalen Veteranen des Krieges von 1812, der sich spontan sein altes Gewehr schnappte und sich an der Seite der Unionstruppen in den Kampf stürzte.

Oak Ridge & Eternal Light Peace Memorial: Auf der Kuppe von Oak Ridge feierten die Konföderierten erste Geländegewinne. Heute ragt dort das 1938 von Präsident Franklin D. Roosevelt eingeweihte Eternal Light Peace Memorial empor. Eine ewig brennende Erdgasflamme auf einem Granitsockel symbolisiert die Versöhnung der einst verfeindeten Staaten.

 

Tag 2: Das Blutbad auf Felsen und Feldern

Am 2. Juli verlagerte sich das Geschehen nach Süden, wo die Konföderierten unter General Robert E. Lee versuchten, die Flanken der Union zu zerschlagen. Die Schauplätze dieses Tages zählen zu den bedrückendsten des Parks:

Devil’s Den: Ein gigantisches Labyrinth aus massiven Granitfelsen. Hier verschanzten sich Scharfschützen der Konföderierten und lieferten sich mörderische Duelle mit der Artillerie der Union. Die Spalten zwischen den Felsen dienen noch heute als stumme Zeugen zahlloser dramatischer Nahkämpfe.

Little Round Top: Dieser felsige Hügel bot den strategischen Schlüssel zur gesamten Unionslinie. Hier schrieb Oberst Joshua Lawrence Chamberlain mit dem 20. Maine-Regiment Geschichte: Als seiner Truppe die Munition ausging, befahl er einen legendären Bajonettangriff die Hänge hinab, der die linke Flanke der Nordstaaten im letzten Moment rettete.

Peach Orchard & Wheatfield: Auf einem Pfirsichgarten und einem Weizenfeld wechselte der Besitz innerhalb weniger Stunden mehrfach. Das Denkmal der Irish Brigade – eine Bronzestatue mit einem irischen Wolfshund zu Füßen eines keltischen Kreuzes – erinnert an den Blutzoll der Einwanderer in Reihen der Nordstaaten.

 

Tag 3: Pickett’s Charge & der „High Water Mark“

Der letzte Tag brachte die Entscheidung am Zentrum der Unionslinie auf dem Cemetery Ridge. Vom Virginia Memorial – gekrönt von einer Reiterstatue Robert E. Lees auf seinem Pferd Traveller – blickt man über fast eine Meile offenes Feld hinüber zum Copse of Trees, einer kleinen Baumgruppe. Genau hierhin befahl Lee am Nachmittag des 3. Juli rund 12.000 Soldaten unter General George Pickett. Der verheerende Frontalangriff, bekannt als Pickett’s Charge, geriet im Hagel der Artillerie zum Fiasko. An der flachen Steinmauer, genannt The Angle, durchbrachen wenige Konföderierte kurzzeitig die Linien. Dieser Punkt wird als „High Water Mark of the Confederacy“ bezeichnet – der höchste Ausschlag der Welle der Konföderierten, bevor der Süden endgültig in die Niederlage steuerte.



Soldiers’ National Cemetery & die Geburt der „Gettysburg Address“

Der tiefgründige Schlusspunkt der Reise liegt im Soldiers’ National Cemetery. Zwischen Kreisbögen aus schlichten weißen Grabsteinen unter alten Eichen ruhen tausende Gefallene der Schlacht. Hier ereignete sich am 19. November 1863 ein historischer Schlüsselmoment: Präsident Abraham Lincoln trat zur Einweihung des Friedhofs ans Rednerpult. Seine Rede – die Gettysburg Address – dauerte kaum zwei Minuten und umfasste nur 272 Worte. Beginnend mit den berühmten Worten Vor 87 Jahren“ schlug Lincoln den Bogen zurück zur Unabhängigkeitserklärung von 1776 und der Freiheit aller Menschen. Lincoln ordnete das unermessliche Sterben neu ein: Der Bürgerkrieg war für ihn nicht mehr nur ein Kampf zum Erhalt der Geografie der Union, sondern eine Reifeprüfung für die Demokratie selbst – ein Weg zu einer „neuen Geburt der Freiheit“. Sein Schlusssatz, dass eine „Regierung des Volkes, durch das Volk, für das Volk nicht von der Erde verschwinden darf, brannte sich tief in das globale Gedächtnis ein. Ein monumentales Bronzedenkmal im Friedhof erinnert heute genau an jene Worte, die das Selbstverständnis der USA bis heute prägen.

 

Bis heute ist das Schlachtfeld von Gettysburg daher sowohl Mahnmal als auch Geburtsstätte eines Selbstverständnisses, das die Vereinigten Staaten von Amerika bis heute prägt.