Der Grand Canyon 

Bild von Michael Althoff

Michael Althoff

Autor: Der Mann hinter dem Bericht

zu Fuß durch 4,5 Milliarden Jahre Erdgeschichte

Der Grand Canyon im Norden Arizonas ist weit mehr als nur eine geologische Formation: er ist ein monumentales Zeugnis der Erdgeschichte, das sich über Milliarden von Jahren in das Gestein des Colorado-Plateaus gegraben hat. Wer zum ersten Mal am Rand dieses gewaltigen Abgrunds steht, wird von einer Stille und einer schieren Weite empfangen, die jede fotografische Abbildung blass erscheinen lässt. Mit einer Länge von fast 450 Kilometern und einer Tiefe von bis zu 1.800 Metern bietet der Nationalpark eine Kulisse, die die menschliche Vorstellungskraft herausfordert. Die meisten Reisenden beginnen ihr Abenteuer am South Rim, der ganzjährig geöffnet ist und die klassische Postkartenansicht bietet. Im Winter ist der Canyon oft mit Schnee verzuckert, was ihm einen besonderen Reiz verleiht. In dieser Jahreszeit darf man zudem die rote Route, die in der Hochsaison nur mit Shuttlebussen zum Hermit’s Rest führt, mit dem eigenen PKW befahren – ein unglaublicher Luxus, der es ermöglicht, diesen vielleicht schönsten Abschnitt des South Rims im eigenen Tempo auf vier Rädern zu erkunden. Das North Rim ist im Winter geschlossen. Von Las Vegas aus besteht zudem die Möglichkeit, an Ausflügen zum West Rim teilzunehmen oder dieses mit dem Mietwagen anzusteuern – hier gibt es auch den berühmten Skywalk, einen mit Glasboden versehenen kleinen Bogen, der über die Canyonkante hinausragt. Das auf unzähligen Fotos festgehaltene Grand Canyon-Feeling kommt jedoch vor allem am South Rim auf.

 

Schon die Fahrt durch den Kaibab National Forest lässt kaum erahnen, welches Panorama sich nur wenige Meter hinter der Baumgrenze auftut. Am Mather Point angekommen, blickt man in ein Labyrinth aus Türmen, Schluchten und Plateaus, die in den intensivsten Farben von Ocker über Terrakotta bis hin zu tiefem Violett leuchten. Das Spiel von Licht und Schatten, das durch die vorbeiziehenden Wolken erzeugt wird, verändert das Gesicht des Canyons im Minutentakt. Ein Spaziergang entlang des Rim Trail ist die entspannteste Art, die Dimensionen zu begreifen. Der Weg ist größtenteils befestigt und führt an zahlreichen Aussichtspunkten vorbei, von denen jeder eine neue Perspektive eröffnet. Besonders beeindruckend ist der Yavapai Point, an dem ein kleines Museum die geologischen Schichten erklärt. Hier wird einem bewusst, dass man auf Gestein blickt, das teilweise fast zwei Milliarden Jahre alt ist – eine Zeitspanne, die das menschliche Dasein auf einen bloßen Wimpernschlag reduziert. Später, auf dem Weg zu Hermit’s Rest, ist das Gestein sogar bis zu rund 4,5 Milliarden Jahre alt.

 

Für jene, die den Canyon nicht nur sehen, sondern spüren wollen, führt kein Weg an einem Abstieg vorbei. Der Bright Angel Trail ist der bekannteste Pfad, der sich in Serpentinen an den Felswänden hinunterwindet. Schon nach wenigen hundert Höhenmetern verändert sich die Wahrnehmung: Die Geräusche von der Oberkante verstummen, und die trockene, würzige Luft der Wüste wird intensiver. Es ist eine physische Herausforderung, die man nicht unterschätzen darf. Die goldene Regel des Grand Canyon lautet: Der Rückweg dauert doppelt so lange wie der Hinweg. Wer den Abstieg bis zum Plateau Point wagt, wird mit einem Blick auf den Colorado River belohnt, der tief unten wie ein schmales, grünliches Band erscheint. Es ist kaum zu glauben, dass dieser Fluss die alleinige Kraftquelle für die Erschaffung dieses Naturwunders war. Die Vegetation wechselt von schattigen Nadelbäumen am Rand zu robusten Kakteen und Agaven in den tieferen Lagen, während kleine Streifenhörnchen und gelegentlich ein stolzer Kondor die Wanderer begleiten.

 

Ein absolutes Muss für jeden Besucher ist der Sonnenuntergang, vorzugsweise an Orten wie dem Hopi Point oder dem Desert View Watchtower. Wenn die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwindet, glühen die Felswände regelrecht auf. Die Schatten kriechen aus der Tiefe empor und hüllen die Schluchten in ein mystisches Dunkelblau, während die Spitzen der Plateaus noch im letzten goldenen Licht erstrahlen. Es ist ein Moment der absoluten Demut vor der Natur.

 

Der Grand Canyon ist nicht nur ein Ort für Touristen, sondern ein lebendiges Ökosystem und ein spiritueller Ort für viele indigene Völker wie die Havasupai und Hopi. Diese Verbindung zwischen Geologie, Geschichte und Kultur macht den Besuch zu einer tiefgreifenden Erfahrung. Man verlässt diesen Ort nicht einfach nur mit Fotos, sondern mit einem neuen Gefühl für die Zeit und die gewaltige schöpferische Kraft unseres Planeten. Es ist eine Reise in die Tiefe der Erde und gleichzeitig eine Reise zu sich selbst. Unsere Empfehlung: man sollte eine Übernachtung einplanen – denn wie viele Sehenswürdigkeiten ist der Grand Canyon am schönsten, wenn die Mehrzahl der Tagestouristen das Gebiet wieder verlassen hat. Man kann im Grand Canyon Nationalpark in einem der traditionsreichen Hotels wohnen – alternativ kann man im Grand Canyon Village, unmittelbar vor der Parkzufahrt aus Richtung Williams, ein Quartier suchen, hier findet man auch bekannte US-Hotelketten. Unsere Empfehlung ist das wunderbare The Grand Hotel at the Grand Canyon, das nicht nur wunderschöne, bestens ausgestattete Zimmer bietet, sondern auch eine sehr schöne Bar und ein Steakrestaurant.