Autor: Der Mann hinter dem Bericht
Vielen Menschen der Babyboomer-Generation kennen Sie noch: das Urmel, Mama Wutz, Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer oder die Bleckbüchsenarmee und ihr berühmtes Kommando „Roll, roll“! Über viele Jahre – es gab damals nur öffentlich-rechtliches Fernsehen – wartete man als Kind am Sonntag Morgen auf eine neue Folge – Streaming und mehrere Folgen hintereinander schauen gab es ebenso wenig wie VHS, DVD oder Blue Ray. Doch mit Sendebeginn begann stets ein bisschen Magie nach bekanntem Muster: Ein klackendes Geräusch ging durch den Raum, der rote Samtvorhang teilte sich, und auf dem hölzernen Schiebedeckel wurde das weltberühmte Logo der Augsburger Puppenkiste – die eigentlich „Öhmichens Puppentheater heisst – sichtbar. Seit Generationen entführt das Marionettentheater im historischen Heilig-Geist-Spital Kinder und Erwachsene in phantasievolle Welten. Was nach dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern begann, wurde zu einem Stück deutscher Kulturgeschichte – und verzaubert bis heute im Theater wie im hauseigenen Museum.
Die Geschichte der Augsburger Puppenkiste ist eng verknüpft mit dem Schicksal der Familie Oehmichen. Der Schauspieler und Regisseur Walter Oehmichen hatte bereits 1940 ein kleines Schachteltheater ins Leben gerufen, das jedoch in der Nacht zum 26. Februar 1944 bei einem Bombenangriff auf Augsburg zusammen mit der Spielstätte im Altstadtgärtnerhaus komplett zerstört wurde. Doch Oehmichen ließ sich nicht entmutigen. Noch während des Krieges entwickelte er die Idee für ein mobiles Theater, das im Notfall in einer einzigen Holzkiste transportiert werden konnte – der Grundstein für die „Augsburger Puppenkiste“. Genau vier Jahre nach der Zerstörung, am 26. Februar 1948, öffnete die Kiste zum ersten Mal offiziell ihre Tore mit dem Märchen „Der gestiefelte Kater“. Während Walter Oehmichen die Stücke inszenierte, schnitzte seine Frau Rose Oehmichen die ersten Puppen und kleidete sie ein. Später übernahm Tochter Hannelore Marschall-Oehmichen das kunstvolle Handwerk und verlieh Figuren wie Jim Knopf oder dem Urmel ihr unverwechselbares Gesicht.
Ihre weltweite Bekanntheit verdankt die Puppenkiste vor allem dem Medium Fernsehen. Bereits 1953 – im Geburtsjahr des deutschen Nachkriegsfernsehens – strahlte der damalige NWDR die erste Live-Übertragung aus Augsburg aus („Peter und der Wolf“). In den folgenden Jahrzehnten wurden die Marionetten zu absoluten Stars des Kinderfernsehens. Produktionen wie „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ (nach Michael Ende), „Urmel aus dem Eis“ (nach Max Kruse), „Kater Mikesch“ oder „Der Räuber Hotzenplotz“ schrieben Fernsehgeschichte. Mit einfachen, aber genialen Mitteln erschufen die Macher magische Illusionen: Das Wogen des Ozeans aus blauer Cellophanfolie oder die schwebenden Seifenblasen prägten das visuelle Gedächtnis von Millionen Zuschauern. Der Ohrwurm „Eine Insel mit zwei Bergen“ ist bis heute Kult.
Wer den Helden seiner Kindheit begegnen möchte, muss heute nur eine Etage höher steigen. Im Oktober 2001 eröffnete direkt über dem Theatersaal im Heilig-Geist-Spital das Museum „Die Kiste“. Auf rund 650 Quadratmetern präsentiert das Haus die wohl berühmtesten Marionetten des Landes in ihren originalen Kulissen. Das Museum zählt zu den erfolgreichsten Puppentheatermuseen Europas. Neben den dauerhaft ausgestellten Klassikern wie Frau Waas, Herrn Tur Tur oder dem Löwen beleuchten wechselnde Sonderausstellungen auch die internationale Geschichte des Figuren- und Marionettentheaters sowie zeitgenössische Strömungen. Interaktive Stationen ermöglichen Besuchern zudem einen Blick hinter die Kulissen der aufwendigen Mechanik und Puppenführung.
Trotz Digitalisierung und modernster Computeranimationen hat die Augsburger Puppenkiste nichts von ihrer Faszination verloren. Das Theater führt bis heute traditionelle Kinderstücke, aber auch Abendvorstellungen für Erwachsene – wie Kabarett und Opernadaptionen – vor ausverkauftem Haus auf. Die Mischung aus handwerklicher Perfektion, nostalgischem Charme und zeitloser Erzählkunst sorgt dafür, dass die Magie an den seidenen Fäden auch in Zukunft nicht abreißt – ein Muss für jeden Besucher der Region rund um Augsburg.






























