Autor: Der Mann hinter dem Bericht
An der geschäftigen Kreuzung von 9th Street, Wharton Street und Passyunk Avenue im Herzen von South Philadelphia lockt das Zischen von feingeschnittenem Rindfleisch auf der heißen Griddle-Platte, das Aroma süßlich geschmorter Zwiebeln und der schmelzende Glanz von cremigem Käse. Hier leuchten rund um die Uhr die bunten Neonschilder von Pat’s King of Steaks – jenem legendären Imbissstand, an dem im Jahr 1930 die Geschichte des wohl berühmtesten Sandwiches Amerikas ihren Anfang nahm.
Die Geschichte des Cheesesteaks beginnt nicht etwa in einem hochwertigen Restaurant, sondern an einem einfachen Hot-Dog-Stand. In den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren betrieben die italienischstämmigen Brüder Pasquale „Pat“ und Harry Olivieri einen bescheidenen Stand in South Philly. Jeden Tag verkauften sie gegrillte Würstchen an die Arbeiter und Händler des nahegelegenen Italian Market. An einem kühlen Tag im Jahr 1930 war Pat Olivieri des täglichen Hot-Dog-Einerleis überdrüssig. Er schickte seinen Bruder zu einem nahegelegenen Metzger, um etwas günstiges, dünn geschnittenes Rindfleisch zu besorgen. Pat warf das Fleisch zusammen mit gehackten Zwiebeln auf seinen Hot-Dog-Grill, briet alles scharf an und füllte die rauchende Mischung in ein frisches, weiches italienisches Brötchen (Italian Roll) – der Legende nach als eigenes Mittagessen, ein Verkauf war nicht geplant. Ein vorbeifahrender Taxifahrer, Stammkunde am Stand, roch das frische Fleischgericht, hielt an und bat Pat, ihm das neuartige Sandwich anstelle eines Hot Dogs zu verkaufen. Nach dem ersten Bissen soll der Taxifahrer begeistert ausgerufen haben: „Vergiss die Würstchen, Pat! Verkauf ab jetzt nur noch diese Steaks!“ Der Rat zeigte Wirkung: Die Brüder passten ihr Speiseangebot an, der Stand expandierte rasch, und der Name Pat’s King of Steaks war geboren (und verkauft tatsächlich nach rechts kurzer Zeit nur noch das neue Sandwich).
Das ursprüngliche Sandwich von 1930 enthielt noch gar keinen Käse. Fast zwanzig Jahre lang bestand das „Steak Sandwich“ rein aus gebratenem Rindfleisch und Zwiebeln. Erst in den späten 1940er- oder frühen 1950er-Jahren kam der Wandel. Ein langjähriger Manager des Standes, Joe „Cocky Joe“ Lorenza, kam auf die Idee, geschmolzenen Provolone-Käse über das heiße Fleisch zu geben. Die Kombination aus herzhaftem Rindfleisch, röschen Zwiebeln und geschmolzenem Käse erwies sich als großer Erfolg und verwandelte das simple Sandwich endgültig in das Philadelphia Cheesesteak. Mit der Einführung von Cheez Whiz – einer cremigen, vorgefertigten Schmelzkäsezubereitung – in den 1950er-Jahren perfektionierte Pat’s das Konzept der Schnellgastronomie. Der flüssige Käse ließ sich in Sekundenschnelle über das Fleisch löffeln, zog perfekt in die Poren des Brötchens ein und wurde schnell zum heimlichen Favoriten der Einheimischen.
Ein Besuch bei Pat’s King of Steaks ist bis heute ein unverfälschtes Stück Straßenkultur. Wer sich in die oft lange Schlange einreiht, sollte den hauseigenen Jargon beherrschen. Um den enormen Andrang zu bewältigen, verlangen die Mitarbeiter am Fenster eine schnelle und präzise Ansage: „Whiz wit“ für ein Cheesesteak mit Cheez Whiz und geschmorten Zwiebeln (with onions) sowie „Whiz witout“ für dasselbe Sandwich mit Cheez Whiz, aber ohne Zwiebeln (without onions). Alternative Käsesorten wie Provolone oder American Cheese werden ebenso knapp bestellt (z. B. „Provolone wit“). Wer zögert oder eine komplizierte Extrawunsch-Liste vorträgt, riskiert spöttische Blicke der routinierten Grillmeister und wird nicht selten ans Ende der Schlange zurückgeschickt.Kulinarische Spannung garantiert zudem der Blick über die Straße: Direkt auf der gegenüberliegenden Ecke der Straßenkreuzung leuchtet das leuchtend gelbe Schild von Geno’s Steaks. Der 1966 von Joey Vento gegründete Imbiss ist der Erzrivale von Pat’s. Seit Jahrzehnten spaltet die Frage, wer das wahre und bessere Cheesesteak zubereite, die Einwohner Philadelphias und zieht Food-Journalisten aus aller Welt an.
Ganz gleich, für welche Seite man sich entscheidet: An den einfachen Tischen unter freiem Himmel direkt an der Straße zu sitzen, ein warmes, vor Käse triefendes Sandwich in den Händen zu halten und das geschäftige Treiben von South Philly zu beobachten, gehört zu den authentischsten kulinarischen Erlebnissen der amerikanischen Ostküste, vor allem um die Mittagszeit.





