Autor: Der Mann hinter dem Bericht
Schon von Weitem ist die Energie dieses Ortes spürbar. Wer sich dem imposanten Klassizismus des Philadelphia Museum of Art nähert, hört fast zwangsläufig die mitreißenden Trompetenfanfaren von Bill Contis legendärer Filmmusik „Gonna Fly Now“ in Gedanken mitklingen. Tag für Tag spielen sich auf der massiven Freitreppe des Museums dieselben Szenen ab: Menschen jeden Alters sprinten im Dauerlauf die 72 Stufen aus St. Galler Granit empor, springen auf der obersten Stufe jubelnd in die Luft und reißen die Fäuste gen Himmel. Die „Rocky Steps“ sind weit mehr als eine imposante Freitreppe – sie sind eines der berühmtesten Wahrzeichen der Popkultur.
Als der damals weitgehend unbekannte Schauspieler Sylvester Stallone 1975 das Drehbuch zu Rocky verfasste und den Film 1976 mit bescheidenem Budget drehte, ahnte niemand, welch kulturelles Phänomen er entfesseln würde. Die Geschichte des armseligen Amateurbedienungsboxers Rocky Balboa aus den Arbeitervierteln von South Philadelphia, der die einmalige Chance erhält, gegen den Schwergewichtsweltmeister Apollo Creed anzutreten, traf den Nerv der Zeit. Eine Schlüsselszene des Films ist die Trainingsmontage. Rocky läuft im grauen Baumwoll-Trainingsanzug durch die Straßen von Philadelphia – vorbei am Italian Market, wo ihm ein Händler eine Orange zuwirft, entlang des Schuylkill Rivers – bis er schließlich im Endspurt die Treppe des Kunstmuseums erstürmt.Kamera-Technisch war dieser Dreh eine Revolution: Erstmals kam die neu erfundene Steadicam des Erfinders Garrett Brown intensiv zum Einsatz. Statt starrer Stativaufnahmen folgte die schwebende Kamera Stallone flüssig und dynamisch die Stufen hinauf. Der Moment, in dem Rocky oben ankommt, sich umdreht und triumphierend im Morgenlicht über die Skyline der Stadt blickt, brannte sich als ultimatives Symbol für Willenskraft, Ausdauer und den Glauben an die eigene Chance ins kollektive Gedächtnis ein.
Wer sich heute den Rocky Steps nähert, kommt zunächst an einer anderen Boxlegende vorbei: keinem geringeren als Joe Frazier ist eine Statue rechts des Aufgangs zum Museum gewidmet. Wer die Statue von Rocky sehen möchte, kommt (außer, man hat ein extremes Teleobjektiv…) nicht darum herum, dem Filmidol nachzueifern und die 72 Stufen zu erklimmen – das kann man jedoch auch in normalem Tempo erledigen. Ob angekommen, wartet meist eine Warteschlange geduldig auf ihre Chance, sich in der Pose Stalones vor oder neben der Statue ablichten zu lassen. Die Statue blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Nach den Dreharbeiten stiftete Stallone die Bronzefigur der Stadt Philadelphia. Es entbrannte ein jahrelanger, teils bizarrer Streit zwischen der Museumsleitung und Stadtpolitikern: Gehört die Requisite eines Hollywood-Streifens vor eines der angesehensten Kunstmuseen des Landes? Das Museum lehnte die Aufstellung auf der Freitreppe ab und stufte die Figur als bloße Film-Requisite ein. Die Statue wanderte vorübergehend an die Sportarena Spectrum, bevor sie nach massiven Protesten der Bevölkerung im Jahr 2006 ihren endgültigen, ehrenvollen Platz am Fuß der Treppe erhielt. Heute bildet die Warteschlange vor der Statue für ein Erinnerungsfoto einen festen Bestandteil des Stadtbilds.
Wer die 72 Stufen erklimmt, kann den Blick auf ein atemberaubendes Stadt-Panorama schweifen lassen: Der Blick gleitet über den weitläufigen Benjamin Franklin Parkway direkt auf die imposante Statue von Stadtgründer William Penn auf dem Turm der Philadelphia City Hall. Dass die Rocky Steps eine solche Faszination ausüben, liegt an der tiefen Identifikation der Stadt mit der Filmfigur. Philadelphia versteht sich seit jeher als bodenständige, hart arbeitende Arbeiterstadt – als Underdog, der sich durchbeißen muss. Die Treppe verbindet auf einzigartige Weise die erhabene Hochkultur des Museums im Rücken mit dem unbeugsamen Geist der Straße vor sich. Wer oben steht und über die Stadt blickt, spürt für einen kurzen Moment genau jene Energie, die Stallone 1976 auf die Leinwand bannte.
Und natürlich darf bei einer solchen Ikone des neuzeitlichen Films auch ein Souvenirshop nicht fehlen – vor allem T-Shirts sind im rechts unterhalb der Treppe in einem Container ungebrachten Shop sehr begehrt.
















