Eine Reise zum Krater von Sete Cidades

Bild von Michael Althoff

Michael Althoff

Autor: Der Mann hinter dem Bericht

Vier Jahreszeiten an einem Tag

Es gibt Orte, die wirken, als hätte die Natur sie mit einem Effektfilter versehen, lange bevor Fotos über die sozialen Medien verbreitet wurden. Sete Cidades auf der Azoreninsel São Miguel ist solch ein Ort. Wer die kurvige Straße von der Inselhauptstadt Ponta Delgada hinauf in das westliche Hochland nimmt, begibt sich auf eine Exkursion in eines der spektakulärsten vulkanischen Ökosysteme der Welt. Hier oben ist das Wetter der einzige Regisseur, und die Kulisse ist ein Meisterwerk aus Smaragdgrün und Saphirblau – und manchmal kann man direkt vor einem liegende Sehenswürdigkeiten aufgrund von Regen oder Nebel dennoch nicht erkennen.

 

Der Aufstieg über das Rückgrat der Insel

Die Reise beginnt mit einer stetigen Auffahrt, gesäumt von den allgegenwärtigen Hortensienhecken, die im Sommer die Straßen in ein blaues Band verwandeln. Der erste obligatorische Stopp ist der Aussichtspunkt Pico do Carvão. Von hier aus blickt man über das schmale „Rückgrat“ der Insel. Bei klarer Sicht sieht man gleichzeitig die Nord- und die Südküste des Atlantiks – ein Moment, der einem die isolierte Schönheit dieser Inselgruppe mitten im Ozean erst so richtig bewusst macht. Ein Stück weiter wartet ein Kontrastprogramm zum weiten Panorama: die Lagoa do Canário. Ein kurzer Spaziergang durch einen dichten Märchenwald aus Sicheltannen führt zu diesem stillen, fast mystischen See. Doch das eigentliche Highlight liegt nur wenige Minuten entfernt. Wer dem schmalen Pfad zum Aussichtspunkt Grota do Inferno folgt, wird mit dem vielleicht berühmtesten Anblick der Azoren belohnt. Von einem schmalen Grat aus blickt man in den gewaltigen Kraterkessel, in dem mehrere Seen wie Juwelen eingebettet liegen. Es ist ein Anblick, der die Dimensionen sprengt und einen für einen Moment verstummen lässt.

 

Das Rätsel der Farben: Vista do Rei

Der klassische Anziehungspunkt für jeden Reisenden ist die Vista do Rei, die „Königsaussicht“. Hier steht man direkt am Rand des riesigen Einsturzkraters (Caldeira) und blickt auf die Zwillingsseen: den Lagoa Verde und den Lagoa Azul. Die Legende besagt, dass die unterschiedlichen Farben durch die Tränen einer blauäugigen Prinzessin und eines grünäugigen Hirten entstanden, deren Liebe verboten war. Journalistisch betrachtet ist die physikalische Erklärung fast ebenso charmant: Die unterschiedliche Tiefe der Seen und die Spiegelung der umliegenden Vegetation sorgen für das faszinierende Farbspiel. Direkt hinter dem Aussichtspunkt ragt das verlassene Skelett des Hotel Monte Palace empor – ein ehemaliges Luxushotel, das heute als „Lost Place“ eine morbide Faszination ausübt und einen seltsamen Kontrast zur unberührten Natur bildet.

 

Im Herzen des Kraters

Die Exkursion führt schließlich über eine steile, serpentinenreiche Straße hinunter in das Dorf Sete Cidades, das direkt am Ufer der Seen liegt. Die Brücke, die die beiden Gewässer trennt, ist der perfekte Ort, um das sanfte Plätschern des Wassers zu genießen. Im Dorf selbst scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die kleine, neogotische Kirche São Nicolau mit ihrer markanten Allee aus hohen Bäumen wirkt wie aus einem skandinavischen Märchen importiert. Das nahe gelegene Café ist Treffpunkt der Einheimischen und bietet ein für deutsche Verhältnisse unglaubliches Preis-Leistungs-Verhältnis: einen ausgezeichneten Espresso gibt es bereits für einen Euro (Stand: April 2026). Das Café ist auch Treffpunkt der Einheimischen, die hier zusammen musizieren, sich in Brettspielen messen oder einfach ein Gläschen genießen.

 

Wer Sete Cidades besucht, merkt schnell: Dieser Ort ist kein statisches Postkartenmotiv. Er verändert sich im Minutentakt. Mal schieben sich dichte Nebelschwaden über den Kraterrand und hüllen alles in ein weißes Schweigen, nur um Sekunden später der strahlenden Sonne Platz zu machen, die die Seen zum Leuchten bringt. Es ist diese Unvorhersehbarkeit, die den Reiz einer Reise nach Sete Cidades so besonders macht.