GEM

Bild von Michael Althoff

Michael Althoff

Autor: Der Mann hinter dem Bericht

Kairos neues Highlight: Das Grand Egyptian Museum (GEM)

Eine häufig gestellte Frage lautet: wieviel Zeit sollte man für das GEM einplanen? Die Antwort hängt – wie bei so ziemlich jedem Museum – von drei Faktoren ab: dem Interesse an altägyptischer Kultur, dem Zeitbudget für den Kairo-Besuch insgesamt und nicht zuletzt der persönlichen Aufnahmefähigkeit und geistigen Kondition. Möglich ist vom einstündigen Sprint – man geht nur zum Teil von Tutenchamun und legt dort die Präferenz auf die Totenmaske und Sarkophage – bis hin zum mehrtätigen Besuch alles. Da man jedoch meist nicht so schnell wieder nach Kairo kommen wird und es im Museum auch nette Cafés und Restaurants gibt, sollte man mindestens vier Stunden vorsehen, um sich zumindest einen groben Überblick ohne Eile verschaffen zu können. Wer vor der gewaltigen, lichtdurchlässigen Alabasterfassade des Grand Egyptian Museum (GEM) am Rande des Giza-Plateaus steht, begreift sofort, dass dies kein gewöhnliches Museum ist. Es ist eine Kathedrale der Archäologie, ein architektonisches Ausrufezeichen und die Antwort Ägyptens auf das 21. Jahrhundert. Nur zwei Kilometer von den ehrwürdigen Pyramiden (man kann sie vom oberen Bereich des Museums aus sehen) entfernt, ist hier ein Komplex entstanden, der die Grenze zwischen der antiken Ehrfurcht und futuristischer Vision verwischt.

 

Schon die Annäherung an das GEM ist eine Inszenierung. Das Gebäude scheint aus dem Wüstensand zu wachsen, seine Linienführung nimmt die Winkel der nahen Cheops-Pyramide auf. Bevor man das Innere betritt, passiert man den Hängenden Obelisken. Es ist eine Weltneuheit: Der tonnenschwere Monolith von Ramses II. wurde so auf einem Sockel platziert, dass Besucher unter ihn treten können. Hier blickt man direkt auf die Kartusche des Pharaos an der Unterseite des Steins – ein intimer Kontakt mit der Geschichte, der früher unmöglich war. Sobald man die gläserne Eingangshalle betritt, wird man von der schieren Weite des Atriums verschlungen. Hier thront der Hausherr: Eine elf Meter hohe Kolossalstatue von Ramses II. aus rosa Granit. Die Statue stand einst auf dem Bahnhofsvorplatz in Kairo und litt unter Abgasen und Lärm; hier, in der klimatisierten Stille der „Grand Hall“, wirkt sie, als wäre sie gerade erst vom Steinmetz fertiggestellt worden. Das Sonnenlicht fällt in präzisen Winkeln durch das durchbrochene Dach und wandert im Laufe des Tages über den Körper des Königs, eine bewusste Anspielung auf den antiken Sonnenkult.

 

Die Große Treppe (Grand Staircase)

Hinter Ramses beginnt der physische und metaphorische Aufstieg in die Welt der Götter. Die Große Treppe ist das Rückgrat des Museums. Auf einer Länge von über 60 Metern und über sechs Ebenen verteilt, schreitet man an 60 monumentalen Statuen und Objekten vorbei. Die Anordnung folgt einer logischen Hierarchie: Unten stehen die Abbilder der Könige als Beschützer des Volkes, weiter oben begegnet man den Göttern und schließlich den Jenseitsvorstellungen. Während man Stufe um Stufe nach oben steigt (oder sich für den bequemeren Aufstieg per Rollband entscheidet) verändert sich die Perspektive. Man blickt den Göttern Ptah und Sekhmet in die steinernen Augen, sieht die stolze Haltung der Hatschepsut und die rätselhaften Züge Echnatons. Doch das wahre architektonische Meisterstück offenbart sich am Ende der Treppe: Eine gigantische Glasfront rahmt die Pyramiden von Gizeh so perfekt ein, dass sie wie ein Teil der Ausstellung wirken. In diesem Moment versteht der Besucher die Intention der Architekten: Das Museum ist kein Gefängnis für Altertümer, sondern ein Teleskop, das die Schätze mit ihrem ursprünglichen Kontext verbindet.

Die Galerien: Eine Reise durch die Sozialgeschichte

Hinter der Treppe öffnen sich die zwölf Hauptgalerien. Im Gegensatz zum alten Museum am Tahrir-Platz, das eher einem überfüllten Lagerhaus glich, folgt das GEM einem modernen, didaktischen Konzept. Die Galerien sind nach Themen und Epochen gegliedert:

  1. Glaube und Ewigkeit: Hier taucht man tief in die religiösen Riten ein. Es geht nicht nur um Gold, sondern um die Frage, wie der einfache Ägypter den Tod verstand.
  2. Königtum und Macht: Diese Hallen widmen sich der politischen Struktur. Man sieht Verwaltungsschrifttum neben monumentalen Siegesstelen.
  3. Das tägliche Leben: Hier werden Schmuck, Werkzeuge und Textilien ausgestellt, die zeigen, dass die Ägypter nicht nur für den Tod lebten, sondern eine hochentwickelte, lebensfrohe Zivilisation waren.

Die Lichtführung in diesen Hallen ist dezent, oft wird mit gezielten Spotlights gearbeitet, die die feinen Meisselarbeiten im Kalkstein oder die leuchtenden Farben der Papyrusrollen hervorheben. Man wandert fließend vom Alten Reich über die turbulenten Zwischenzeiten bis hin zum Neuen Reich und der ptolemäischen Ära. Wer diesen Teil ohne Guide durchschreitet, sollte sich vorher ausgiebig mit ägyptischer Geschichte beschäftigt haben, so werden aus den zahlreichen Artefakten lebendige Geschichten. Auffällig: Nasen scheinen offensichtlich die Schwachstelle alter Statuen zu sein. Schon bei der Sphinx im Freien fehlt die Nase, auch gefühlt deutlich mehr als die Hälfte aller ausgestellten Statuen aller Epochen kommen ohne das menschliche Riechorgan daher. Absicht oder gar eine alt-ägyptische Variante der vatikanischen Feigenblatt-Kampagne scheint nicht dahinter zu stehen.

 

Das Heiligtum: Die Tutanchamun-Ausstellung

Gleich, wie beeindruckend die Statuen, Sarkopharge und Exponate der Vorfahren sind – der eigentliche Magnet, das emotionale Herz des GEM, ist die Tutanchamun-Galerie. Auf einer Fläche von über 7.500 Quadratmetern wird hier zum ersten Mal in der Geschichte die vollständige Sammlung von über 5.000 Objekten aus dem Grab KV 62 gezeigt. Die Ausstellung ist eine Sensation. Früher waren viele Stücke in dunklen Kellern gelagert oder über das ganze Land verstreut. Hier im GEM wird die Entdeckung von Howard Carter aus dem Jahr 1922 rekonstruiert.

  • Die Schätze des Alltags: Der Rundgang beginnt mit den persönlichen Besitztümern des Kindkönigs. Es ist berührend, seine Kindersandalen zu sehen, seine Spielbretter (Senet) und seine Kleider. Man sieht den goldenen Thron, dessen Rückenlehne eine fast zärtliche Szene zwischen dem König und seiner Gemahlin zeigt.
  • Die Wagenhalle: Ein technisches Highlight ist die Präsentation der sechs Prunkwagen. Sie wurden aufwendig restauriert und scheinen förmlich durch den Raum zu gleiten. Die Filigranität des Holzes und die Dicke der Goldbeschläge zeugen von einer Handwerkskunst, die heute kaum noch vorstellbar ist.
  • Die Schrein-Enfilade: Einer der mächtigsten Räume beherbergt die vier vergoldeten Holzschreine, die den steinernen Sarkophag im Grab umschlossen. Sie sind nacheinander aufgestellt, sodass man die Dimensionen dieser „Matrjoschken aus Gold“ nachempfinden kann. Der größte Schrein ist so groß wie eine kleine Kapelle und ist lückenlos mit Schutzformeln und Darstellungen aus dem Buch der Toten bedeckt.
  • Die Goldmaske und die Särge: In einem speziell gesicherten, abgedunkelten Tresorraum findet die Begegnung mit der Ewigkeit statt. Hier ruht die weltberühmte goldene Totenmaske. Durch die moderne Museumstechnik wirkt sie fast übernatürlich. Die blauen Einlagen aus Lapislazuli und das glänzende Gold fangen jedes Photon Licht ein. Daneben stehen die inneren Goldsärge, die so schwer sind, dass man die physische Last des Reichtums fast spüren kann. Das besondere: man umrundet auf dem Weg zu einem Fotospot fast die gesamte Maske und kann sie so auch sehr gut von hinten betrachten.

 

Das Schiff der Ewigkeit: Das Khufu-Boot-Museum

Bevor man das GEM verlässt, führt ein separater Gang zu einem architektonischen Solitär: dem Gebäude für die Sonnenschiffe des Cheops. Die über 4.500 Jahre alte Barke aus Libanon-Zeder, die einst neben der Großen Pyramide vergraben war, wurde in einer logistischen Meisterleistung in das GEM transportiert. In der neuen Halle ist das Schiff nun von allen Seiten und sogar von unten zugänglich. Es wirkt wie ein filigranes Skelett eines Riesen, bereit, den Pharao erneut über den Himmelsozean zu tragen. Der Geruch von altem Holz und die Stille in diesem Raum bilden einen meditativen Kontrast zum Rest des Museums.

Das GEM ist mehr als nur ein Aufbewahrungsort. Es beherbergt eines der modernsten Restaurierungszentren der Welt. Durch Glaswände können Besucher teilweise den Wissenschaftlern dabei zusehen, wie sie mit Lasern und Skalpellen die Funde der nächsten Jahrzehnte sichern. Es ist ein lebendiger Ort der Forschung. Zusätzlich zu den klassichen Exponaten gibt es auch einen interaktiven Teil sowie einen Museumsbereich speziell für Kinder. Für den Besucher bietet das Museum zudem einen Komfort, den Ägypten bisher nicht kannte: Es gibt ein weitläufiges Areal mit internationaler Gastronomie, Konferenzzentren und Boutiquen, die hochwertiges Kunsthandwerk statt billiger Souvenirs verkaufen. Alles ist barrierefrei, klimatisiert und auf dem neuesten Stand der Technik.

 

 

Weitere Fotos vom GEM und seinen Exponanten gibt es auf dem privaten Facebook-Account des Autors unter https://bit.ly/4d5tuZw.