Gizeh, Sakkara und Memphis

Bild von Michael Althoff

Michael Althoff

Autor: Der Mann hinter dem Bericht

Im Schatten der Ewigkeit: Eine Expedition durch das goldene Dreieck des Alten Ägyptens

Der Weg vom Zentrum Kairos entlang des Nils in Richtung der bekannten Pyramiden von Gizeh spiegelt die Entwicklung des modernen Ägyptens wider: in der Altstadt noch das für europäische Verkehrsteilnehmer weder zu durchschauende noch zu beherrschende Chaos entlang der Straßen (man sollte in jedem Fall auf ein Mietauto verzichten und entweder im Rahmen eines organisierten Ausflugs mit Hotelabholung oder per Fahrer bzw. Uber zu den Pyramiden fahren), doch dann trifft man umfassende Bauaktivitäten: New Cairo. Hier wird ein ganzer neuer Stadtteil aus der Wüste gestampft, samt modernstem öffentlichen Nahverkehr. Denn Kairo ist nicht nur die Hauptstadt Ägyptens, sondern wächst rasant weiter. Da bisher jedoch nur rund 4% der Grundfläche Ägyptens bewohnt und bewirtschaftet werden, hat man reichlich Platz für neue Projekte. Auf rund 8,4 Mrd. US-Dollar bezifferte unser Guide Baba Ahmed – der ausgezeichnet Deutsch spricht und auch in Deutschland studiert hat – das Investitionsvolumen. Auf dem Weg nach Gizeh tauchen Sie irgendwann am Horizont auf: Bauwerke, die seit fast fünf Jahrtausenden die menschliche Vorstellungskraft herausfordern und teilweise sprengen. Während hinter dem östlichen Nilufer die 20-Millionen-Metropole Kairo in einem hupenden Chaos aus Abgasen und Alltagshektik versinkt, herrscht auf dem Plateau von Gizeh eine fast physisch spürbare Stille. Hier, wo der Asphalt endet und der Sand beginnt, startet eine Reise zu den Wurzeln der Zivilisation.

 

Gizeh: Das steinerne Manifest der Unsterblichkeit

Nichts, bereitet einen auf den Moment vor, in dem man am Fuße der Großen Pyramide des Cheops steht. Es ist kein Gebäude; es ist ein geometrischer Koloss. Rund 2,3 Millionen Kalksteinblöcke, von denen jeder zwischen zwei und fünfzehn Tonnen wiegt, wurden hier mit einer Präzision geschichtet, die selbst modernen Ingenieuren im Jahr 2026 noch Kopfzerbrechen bereitet. Mit einer ursprünglichen Höhe von 146 Metern war dieses Monument fast 4.000 Jahre lang das höchste Bauwerk der Welt – und es ist das letzte der einst sieben Weltwunder der Antike, das man noch heute besichtigen kann. Wer vor vielen Jahren schon einmal die Pyramiden besucht hat, wird sich an staubige Wege und aufdringliche fliegende Händler und Kamelritt-Anbieter erinnern. Inzwischen wird das gesamte Gelände von Orascom gemanagt, eine Milliarden-schwere Investition hat das Erlebnis auf ein neues Niveau gehoben. Heute gibt es nicht nur einen sehr gut organisierten, beschatteten und sehr sauberen Eingangsbereich. Innerhalb des Gebiets dürfen nur angemeldete Reisegruppen mit eigenen Reisebussen die verschiedenen Stationen abfahren, ansonsten gibt es ein ausgezeichnet funktionierendes Bus-Shuttle-System, mit dem man die verschiedenen Haltepunkte anfahren kann. Kamelritte und Pferdekutschfahrten kann man auch heute noch buchen, aber die Anbieter sind nun lizensiert und deutlich weniger aufdringlich. Die Wege rund um die Pyramiden sind gepflastert, so dass man die verschiedenen Baudenkmäler sehr gut zu Fuß umrunden kann. Doch die Faszination speist sich nicht nur aus der schieren Masse. Es ist die mathematische Perfektion: Die Seiten der Pyramide sind fast exakt nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet, mit einer Abweichung, die so minimal ist, dass sie kaum messbar scheint. Direkt daneben ragen die Pyramiden von Chephren und Mykerinos auf. Besonders die Chephren-Pyramide sticht ins Auge, da sie an ihrer Spitze noch die ursprüngliche Kalksteinverkleidung trägt – ein glatter „Hut“, der erahnen lässt, wie diese Bauten einst unter der ägyptischen Sonne wie polierte Diamanten geglänzt haben müssen.

Einen kurzen Autotransfer von den Pyramiden entfernt wartet die Große Sphinx, mit dem Körper eines Löwen und dem Haupt eines Pharaos (vermutlich Chephren). Sie blickt mit einer stoischen Erhabenheit nach Osten. Trotz der Erosion, der fehlenden Nase und der Narben der Jahrtausende strahlt das Monument eine Ruhe aus, die den Trubel der Souvenirverkäufer und Kamelführer ringsum einfach verschluckt. Asterix-Fans werden sich erinnern, dass die fehlende Nase auf eine Kletterpartie von Obelix zurückzuführen ist… Tatsächlich ist sie, wie der Kinnbart, durch Erosion abgebrochen. Teile des Kinnbarts können heute noch im British Museum in London bestaunt werden. Die Sphinx ist ein bizarrer Kontrast der Moderne: Wer den Blick von der Sphinx leicht nach links wendet, sieht die Leuchtreklamen internationaler Fast-Food-Ketten. In Gizeh begegnen sich Ewigkeit und das triviale Heute auf eine Weise, die man wohl nur in Ägypten findet.

Sakkara: Wo die Stein-Architektur ihren Ursprung hat

Lässt man die Touristenströme von Gizeh hinter sich und folgt der Straße etwa 30 Kilometer nach Süden, wandelt sich die Landschaft. Fruchtbare Dattelhaine säumen die Kanäle des Nils, bis plötzlich das Grün endet und der helle Wüstensand von Sakkara übernimmt. Der Nil wird derzeit über sein gesamtes Flussbett rund um Kairo kanalisiert, damit an den Rändern kein Bewuchs mehr haften bleibt und der Fluss damit zumindest optisch deutlich sauberer wirkt als früher. Wenn Gizeh das fertige Meisterwerk ist, dann ist Sakkara das Laboratorium der Unsterblichkeit. Hier steht die Stufenpyramide des Djoser, das älteste monumentale Steinbauwerk der Welt. Vor etwa 4.700 Jahren beging der geniale Architekt Imhotep einen revolutionären Akt. Zuvor wurden Könige in flachen, rechteckigen Bauten aus Lehmziegeln (Mastabas) bestattet. Imhotep jedoch entschied sich, sechs dieser Plattformen übereinander zu stapeln – jede kleiner als die darunterliegende. Das Ergebnis war eine steinerne Treppe zum Himmel, der Prototyp aller späteren Pyramiden. Sakkara ist jedoch weit mehr als nur Djoser. Die gesamte Nekropole ist ein riesiges Freilichtmuseum, das im Jahr 2026 mehr denn je im Fokus der Weltöffentlichkeit steht. Die jüngsten Grabungen haben sensationelle Ergebnisse geliefert. Erst vor wenigen Monaten wurden in der Nähe der Teti-Pyramide neue Grabschächte entdeckt, die hunderte von bunt bemalten Holzsarkophagen aus der Spätzeit bargen – so perfekt erhalten, als wären sie erst gestern versiegelt worden. Besonders faszinierend sind die sogenannten Mastabas der hohen Beamten, wie die des Mereruka. Ein weiteres Highlight, das oft übersehen wird, ist das Serapeum – ein unterirdisches Labyrinth aus gewaltigen Galerien, in denen die heiligen Apis-Stiere in tonnenschweren Granitsarkophagen bestattet wurden. Die Kühle und die sakrale Stille dort unten stehen in scharfem Kontrast zur flirrenden Hitze der Wüstensonne.

Memphis: Das Echo der versunkenen Weltmacht

Den Abschluss dieses historischen Triptychons bildet Memphis. Es ist schwer vorstellbar, wenn man heute durch das beschauliche Dorf Mit Rahina spaziert, aber hier befand sich einst das pulsierende Zentrum der antiken Welt. Memphis war die Hauptstadt des Alten Reiches, eine Metropole voller Paläste, Tempel und Kasernen, von der aus die Geschicke eines Weltreiches gelenkt wurden. Heute ist von dieser Pracht oberflächlich wenig geblieben; die Stadt wurde über die Jahrtausende als Steinbruch für das mittelalterliche Kairo genutzt. Doch was geblieben ist, zeugt von einer fast schon arroganten Größe. Im Freilichtmuseum von Memphis ruht überdacht der kolossale Ramses II. Die Statue aus feinstem Kalkstein war ursprünglich über 13 Meter hoch. Selbst heute, da sie ohne Beine in einer Halle liegt, raubt sie dem Besucher den Atem. Die handwerkliche Perfektion ist unerreicht: Die Linien des Gesichts, das sanfte Lächeln und die präzise ausgearbeiteten Muskeln lassen den Pharao fast lebendig erscheinen. Es ist das steingewordene Abbild eines Herrschers, der das Land 66 Jahre lang regierte und seinen Namen auf fast jedem Tempel Ägyptens hinterließ. Nur wenige Meter entfernt steht die Alabaster-Sphinx von Memphis. Mit ihren acht Metern Länge ist sie deutlich kleiner als ihre Cousine in Gizeh, aber durch das helle, fast transluzente Gestein wirkt sie weitaus eleganter und nahbarer. In der Stille des Palmenhains, der das Museum umgibt, kann man für einen Moment die Augen schließen und sich vorstellen, wie die Prozessionen der Priester einst durch diese Straßen zogen, als Memphis noch das Herz der zivilisierten Welt war. Rund um die antiken Überreste trifft man zudem auf viele Straßenhunde. Anders als in anderen Ländern werden diese jedoch nicht verjagt, sondern gechipt und kastriert, führen ansonsten aber eine friedliche Koexistenz mit den Bewohnern. Viele von ihnen habe die Straßenhunde – mangels Platz im eigenem Heim – gar fast schon adoptiert und kommen regelmäßig zur Fütterung vorbei – ein schönes Beispiel, wie man diesen Tieren wenigstens halbwegs gerecht werden kann.

 Wer glaubt, dass die drei historischen Stätten ihre Geheimnisse längst preisgegeben hätten, sollte einen Blick auf die moderne Entwicklung der Archäologie werfen. Durch den Einsatz modernster Technologie und Künstlicher Intelligenz wurden in den letzten Jahren Hohlräume in den Pyramiden kartiert, die jahrzehntelang nur Vermutung waren. In Gizeh wurde erst kürzlich ein versteckter Korridor hinter dem Haupteingang der Cheops-Pyramide für die Forschung erschlossen, was die Theorien über die Bautechnik erneut ins Wanken brachte.

 

Wer die Reise von Gizeh über Sakkara nach Memphis unternimmt, sieht nicht nur Steine; man entdeckt den unbändigen Willen einer Kultur, die Vergänglichkeit zu besiegen. Von der ersten mutigen Stufe des Imhotep bis zur mathematischen Vollendung des Cheops und der herrschaftlichen Präsenz eines Ramses wird deutlich: Die alten Ägypter haben nicht für ihre Zeit gebaut. Sie haben für eine Zeit weit hinter ihrer eigenen Existenz geplant und gebaut – jeder, der willens ist, den Weg zu diesen Archäologischen Meisterwerken auf sich zu nehmen, kann noch heute ein wenig in die alte Kultur eintauchen. Auch wenn der Smog Kairos den Blick auf die Pyramiden aus der Ferne oftmals trübt und die Wohnhäuser der Stadt den antiken Bauwerken immer näher rücken: ihre Aura bleibt unantastbar und wird noch über viele Generationen hinweg Sinnbild einer heute längst verschwundenen Kultur bleiben.

 

Weitere Fotos zu diesen beeindruckenden archäologischen Stätten gibt es über den Privataccount des Autors auf Facebook unter https://bit.ly/3NWGAxY.