Hadeland Glassverk

Bild von Michael Althoff

Michael Althoff

Autor: Der Mann hinter dem Bericht

Magie aus Feuer und Sand

Wer die historische Glashütte Hadeland Glassverk am idyllischen Südende des Randsfjorden betritt, erlebt sofort die faszinierende Mischung aus intensiver Hitze, handwerklichem Geschick und jahrhundertealter Tradition. Gegründet im Jahr 1762, ist Hadeland das älteste durchgehend betriebene Industrieunternehmen Norwegens. Was einst als kleine Manufaktur für Gebrauchsflaschen begann, hat sich über die Generationen hinweg zu einer weltweit geschätzten Design-Institution entwickelt. Heute entstehen hier spektakuläre mundgeblasene Lampen, elegante Trinkgläser und skulpturale Vasen, die skandinavische Ästhetik in die ganze Welt tragen. Ursprünglich wurde der Standort gewählt, weil man dort die beiden wichtigsten Voraussetzungen für die Glasproduktion vorfand: reichlich Sand und Holz, um die notwendigen Öfen zu betreiben. Heute werden die Schmelzöfen längst nicht mehr mit Holz, sondern per Strom betrieben.

 

Unser Weg durch die Werkstatt – den sogenannten Hot Shop – wurde von einem Mann geleitet, dessen Name in der norwegischen Designgeschichte tief verwurzelt ist: Martin Johansson. Als Glasbläsermeister führt er uns mit spürbarer Leidenschaft durch die Hallen. Sein Großvater, Willy Johansson, war einer der prägendsten Designer des Hauses im 20. Jahrhundert. „Glas lebt“, erklärt Martin mit einem Lächeln, während er eine glühende Masse im Takt seiner Worte dreht. „Es verzeiht keinen einzigen Fehler, aber genau das macht jedes fertige Stück zu einem echten Unikat.“ Bis heute ist die Familie dem Unternehmen eng verbunden, Johansson wohnt mit seiner Familie direkt auf dem Werksgelände. Wer seinen Erzählungen aufmerksam folgt, lernt nicht nur sehr viel über die Geschichte des Unternehmens, sondern auch das Handwerk des mundgeblasenen Glasdesigns, aber auch von der Begeisterung, mit der Johansson und seine Kollegen bis heute die Tradition am Standort aufrechterhalten.

 

Martin zeigte uns hautnah, wie aus einfachen Rohstoffen wie Quarzsand, Soda und Kalk jene transparenten Kunstwerke entstehen, für die Hadeland berühmt ist. Der Herstellungsprozess folgt einer exakt getakteten Choreografie:

 

  • Das Schmelzen: Die Rohstoffe werden in den mächtigen Schmelzöfen bei rund 1.400 Grad Celsius zu einer zähflüssigen Masse geschmolzen. Über Nacht klärt sich das Glas, bis es absolut bläschenfrei ist.
  • Das Aufnehmen und Blasen: Der Glasbläser nimmt eine präzise Menge der glühenden Masse mit der Pfeife auf. Durch vorsichtiges Blasen und das gleichmäßige Drehen in nassen Holzformen erhält die Lampe, das Glas oder die Vase ihre endgültige Gestalt. Durch verschiedene Zusatzstoffe, die auf den Glaskörper gegeben werden, können Blasen und Farbeffekte erzeugt werden.
  • Das langsame Abkühlen: Direkt nach dem Formen wandern die heißen Stücke in einen Kühlofen. Würde das Glas an der Luft zu schnell abkühlen, zerspränge es aufgrund der inneren thermischen Spannungen sofort zerspringen.
  • Der Kaltschliff: In der Schleiferei wird das vollständig abgekühlte Glas vollendet. Überstehende Ränder werden per Diamantschnitt abgetrennt, Böden glattpoliert und filigrane Muster von Hand eingearbeitet.

 

Besonders faszinierend ist die Fertigung der großen Design-Lampen. Bei ihnen muss die Glasstärke über die gesamte Wölbung hinweg absolut perfekt ausbalanciert sein, um das Licht später fehlerfrei und warm zu brechen. Ebenfalls spannend: das Unternehmen ist nicht nur auf eigene Produkte spezialisiert, sondern fertigt beispielsweise in Lizenz für italienische Glaswarenanbieter. Auch Sonderanfertigungen für Kunden werden realisiert. Wer die Design-Meisterwerke des Unternehmens einmal im Tagesbetrieb erleben möchte, sollte die Osloer Oper besuchen oder auch der nächsten Nobelpreis-Verleihung aufmerksam folgen: beide Orte werden durch Objekte von Hadeland in Szene gesetzt.

 

Das weitläufige, idyllische Areal direkt am Ufer des Randsfjorden hat sich zu einem vielseitigen Kultur- und Erlebniszentrum entwickelt, das Kunst, Shopping und Kulinarik perfekt miteinander verbindet. Wer tiefer in die über 260-jährige Geschichte des Standorts eintauchen möchte, findet im Skattkammeret (der Schatzkammer) die größte Glasausstellung Skandinaviens. Auf drei Etagen erzählt das Museum die Entwicklung von den ersten einfachen Apothekerfläschchen bis hin zu den weltberühmten Designklassikern der Moderne. Wechselnde Kunstausstellungen in der angeschlossenen Galerie runden das kulturelle Profil ab. In insgesamt zehn hochkarätigen Spezialgeschäften und dem riesigen Fabrikkutsalget (Fabrikverkauf) lässt sich so manches Schnäppchen erwerben. Mit sechs verschiedenen gastronomischen Stationen ist auch für das leibliche Wohl bestens gesorgt. Die gemütliche Kokkestua serviert deftige, traditionelle norwegische Hausmannskost und saisonale Spezialitäten aus der Region. Kaffeeliebhaber zieht es unweigerlich ins Kaffehuset, wo röstfrische Bohnen verarbeitet werden und der Duft von frisch gebackenen Waffeln und Kuchen durch die Räume zieht. Praktisch direkt vor den Toren des Glaswerks befindet sich das geschichtsträchtige Thorbjørnrud Hotell (nur ca. 300 Meter Fußweg). Idyllisch am Flussufer gelegen, ist es der perfekte Stützpunkt für Besucher. Das Hotel ist in Norwegen berühmt für seine kompromisslose „Farm-to-Table“-Philosophie, betreibt ein eigenes Mikrobier-Brauhaus und pflegt im historischen Garten sogar einen eigenen Weinberg.

 

Wer Hadeland Glassverk verlässt, nimmt nicht nur ein Stück norwegische Designgeschichte mit nach Hause, sondern vor allem tiefen Respekt vor einem Handwerk, das Martin Johansson und sein Team hier mit jedem Atemzug lebendig halten.