Oberammergau

Bild von Michael Althoff

Michael Althoff

Autor: Der Mann hinter dem Bericht

Tradition, Kunst und Glaube

Die Geschichte Oberammergaus ist unauslöschlich mit einem heiligen Versprechen verbunden, das die Dorfbewohner im Pestjahr 1633 gaben: Um dem Elend ein Ende zu setzen, schworen sie, alle zehn Jahre das Leiden und Sterben Christi aufzuführen. Aus diesem Gelübde erwuchsen die Oberammergauer Passionsspiele, die bei jeder Ausgabe Hunderttausende Besucher aus aller Welt anlocken. Das Besondere dabei ist das sogenannte „Spielrecht“: Nur wer im Ort geboren ist oder seit mindestens 20 Jahren dort lebt, darf auf der Freilichtbühne mitwirken. Ob als Hauptdarsteller, Chorsänger oder Statist – fast die Hälfte der Dorfbevölkerung verwandelt die Gemeinde alle zehn Jahre in ein einziges Theaterensemble.

 

Doch der kulturelle Reichtum zeigt sich nicht nur zur Passionszeit. Das tägliche Leben im Ort ist seit Jahrhunderten von einem hochkarätigen Kunsthandwerk geprägt: der Holzschnitzerei. Bereits im Mittelalter machten die sogenannten „Herrgottschnitzer“ die Region für ihre sakralen Kunstwerke bekannt. Händler trugen die geschnitzten Kruzifixe, Heiligenfiguren und Krippen einst in hölzernen Tragegestellen – den Kraxen – über die Alpenpässe bis weit nach Europa hinein. Bis heute arbeiten Meisterinnen und Meister in zahlreichen Werkstätten mit heimischen Hölzern und fertigen sowohl klassische Figuren als auch moderne Skulpturen. Die Staatliche Berufsfachschule für Holzbildhauer vor Ort sorgt dafür, dass dieses filigrane Wissen an junge Generationen weitergegeben wird.

 

Ein Spaziergang durch das Dorf gleicht zudem dem Besuch einer Freiluftgalerie. Zahlreiche Häuserfassaden sind mit der traditionellen Lüftlmalerei verziert – einer aufwendigen Technik, bei der Pigmente direkt auf den feuchten Außenputz aufgetragen werden. Neben biblischen Szenen und Schutzheiligen schmücken oft aufwendig illustrierte Märchenmotive wie Rotkäppchen oder Hänsel und Gretel die historischen Anwesen, etwa das berühmte Kölblhaus oder das Forsthaus. Diese Fassadenbilder verleihen dem Straßenbild eine ganz eigene Atmosphäre und erzählen Geschichten aus Alltag (manchmal auch der Gebäude, die sie zieren), Glaube und Dichtung.

 

Das Zusammenspiel aus dem Passionsgelübde, der Schnitzkunst und den leuchtenden Wandgemälden macht Oberammergau zu einem faszinierenden Kulturdenkmal, in dem bayerische Identität und lebendiges Brauchtum tagtäglich erlebbar bleiben.