Autor: Der Mann hinter dem Bericht
Der Bundesstaat Arizona hütet einen der spektakulärsten und zugleich nostalgischsten Abschnitte der legendären Route 66. Besonders die Strecke von Kingman nach Oatman gilt unter Kennern als das „Herzstück“ der Mother Road, da sie Reisende tief in die raue, ungeschminkte Seele des Wilden Westens entführt. Die Reise beginnt in Kingman, einer Stadt, die ihren Stolz auf die Route 66 an jeder Straßenecke zelebriert. Sobald die Ausläufer der Stadt hinter einem liegen, verändert sich die Landschaft schlagartig. Die Weite der Mojave-Wüste öffnet sich, und der Asphalt bandelt sich durch eine goldgelbe Kulisse aus Kakteen und kargem Gestein. Der Weg führt unweigerlich auf die Black Mountains zu. Hier beginnt der fahrerisch anspruchsvollste Teil der Strecke: der Sitgreaves Pass. Früher war dieser Abschnitt der Schrecken vieler Reisender. In den 1920er- und 30er-Jahren waren die Autos oft zu schwach für die steilen Anstiege, und es wird erzählt, dass manche Fahrer so große Angst vor den Abgründen hatten, dass sie Einheimische dafür bezahlten, ihre Wagen über den Pass zu steuern. Heute ist die Straße zwar gut asphaltiert, aber sie hat nichts von ihrem dramatischen Charakter verloren. Die Fahrbahn ist schmal, Leitplanken sind Mangelware, und die Kurven sind so eng, dass man das Gefühl hat, die Zeit stehe still. Hinter jeder Biegung eröffnen sich neue Panorama-Aussichten über das karge Tal. Am höchsten Punkt des Passes, auf etwa 1.080 Metern, lohnt sich ein kurzer Stopp. Hier weht ein stetiger Wind, und die Stille wird nur gelegentlich vom Knattern einer Harley-Davidson unterbrochen. Es ist ein Ort, der verdeutlicht, warum die Route 66 mehr als nur eine Straße ist – sie ist ein Symbol für Freiheit und das Überwinden von Grenzen.
Nachdem man die Haarnadelkurven des Passes hinter sich gelassen hat, taucht wie eine Fata Morgana der Ort Oatman auf. Wer hier einfährt, wähnt sich sofort im 19. Jahrhundert. Oatman war einst eine blühende Goldgräberstadt, die nach dem Fund reicher Erzvorkommen im Jahr 1915 förmlich aus dem Boden schoss. Als die Route 66 später umgeleitet wurde und der Goldrausch versiegte, drohte Oatman zur Geisterstadt zu werden. Doch der Ort überlebte – dank seines Charmes und seiner außergewöhnlichen Bewohner. Die Hauptstraße von Oatman ist gesäumt von hölzernen Gehwegen, alten Saloons und Läden, die Kuriositäten und Western-Souvenirs verkaufen. Es riecht nach Staub, Leder und ein wenig nach Abenteuer. Mehrmals täglich inszenieren Schauspieler stilechte Schießereien auf der Straße, was den nostalgischen Charakter des Ortes unterstreicht.
Das eigentliche Markenzeichen von Oatman sind jedoch die „Wild Burros“. Diese wilden Esel sind die direkten Nachfahren der Lasttiere, welche die Prospektoren einst für ihre Arbeit in den Minen nutzten. Als die Minen schlossen, wurden die Esel freigelassen und passten sich der kargen Umgebung perfekt an. Heute ziehen die Esel jeden Morgen aus den Bergen in die Stadt, um sich von den Touristen verwöhnen zu lassen. Sie stehen mitten auf der Fahrbahn, blockieren gelassen den Verkehr und schauen neugierig durch Autofenster. In den Geschäften kann man spezielle „Burro Chow“-Pellets kaufen, um die Tiere zu füttern. Trotz ihrer Zahmheit bleibt ihre Präsenz eine Erinnerung an die harte Pionierarbeit der Vergangenheit. Sie sind das lebendige Erbe einer Ära, in der Mensch und Tier gemeinsam dem harten Boden Arizonas ihren Lebensunterhalt abtrotzten.
Die Fahrt von Kingman nach Oatman ist eine Zeitreise durch schroffe Bergwelten, vorbei an den Geistern alter Minenarbeiter bis hin zu einem Ort, an dem die Esel Vorrang haben und die Uhr ein wenig langsamer tickt. Es ist der Inbegriff des „Old West“, der auf der Route 66 bis heute weiterlebt.












































