Sound & Light Show im Karnak-Tempel

Bild von Michael Althoff

Michael Althoff

Autor: Der Mann hinter dem Bericht

Ein geschichtsträchtiger Abend nahe Luxor

Wenn die Sonne hinter den Bergen der Westbank versinkt, bereitet sich der Karnak-Tempel – das größte religiöse Bauwerk, das jemals von Menschenhand erschaffen wurde – allabendlich auf ein besonderes Ereignis vor: die Sound & Light Show. Fans von James Bond kennen den mächtigen Säulengang des Tempels aus dem Film „Der Spion, der micht liebte“, in dem sich Roger Moore als James Bond und Barbara Bach eine Verfolgungsjagd mit dem „Beißer“ liefern.

 

Wer Karnak bei Tag betritt, wird von der schieren Hybris der Pharaonen erschlagen. Über 2.000 Jahre lang baute fast jeder Herrscher Ägyptens – von Sesostris I. bis zu den Ptolemäern – an diesem „Ort der Erwählung“ (Ipet-sut). Es ist kein einzelner Tempel, sondern ein steinernes Geschichtsbuch, in dem sich Ramses II. ebenso verewigte wie die eigenwillige Königin Hatschepsut, deren 30 Meter hoher Obelisk noch heute wie ein steinerner Finger in den azurblauen Himmel zeigt. Das Herzstück ist zweifellos der Große Säulensaal. 134 monumentale Säulen, übersät mit Hieroglyphen, ragen hier bis zu 24 Meter in die Höhe. Wer zwischen ihnen hindurchschreitet, fühlt sich nicht wie ein Besucher, sondern wie eine Ameise in einem versteinerten Wald. Die Hieroglyphen, die tief in den Sandstein gemeißelt sind, erzählen von Schlachten, Götteropfern und dem ewigen Streben nach Unsterblichkeit. Doch so beeindruckend die Architektur im grellen Mittagslicht auch sein mag – ihre wahre Seele offenbart die Anlage erst nach Einbruch der Dunkelheit.

 

Wenn die Schatten lebendig werden

Sobald die Dämmerung dem tiefen Schwarz der Wüstennacht weicht, verwandelt sich Karnak in eine Bühne. Die Sound & Light Show ist eine akustische und visuelle Zeitreise. Die Besucher werden nicht einfach auf eine Tribüne gesetzt, sondern begeben sich auf eine Prozession durch das nächtliche Heiligtum – man sollte daher noch über einige Energiereserven für dieses Event verfügen, denn schon der Weg vom offiziellen Eingang zum Ticketschalter ist nicht gerade kurz. Die Tour beginnt am ersten Pylon, wo die Stimmen der Vergangenheit aus den Lautsprechern dröhnen. Es ist die Stimme Amun-Res, des Königs der Götter, die den Weg weist. Während man durch den großen Vorhof und tiefer in das Labyrinth aus Stein vordringt, werden einzelne Statuen und Reliefs durch präzise Scheinwerferkegel aus der Dunkelheit gerissen. Die Schatten der Widder-Sphinxe tanzen an den Mauern, und für einen Moment scheint es, als würden die steinernen Wächter wieder Atem holen. Das Lichtdesign ist beeindruckend – wir fanden zudem die per Lautsprecher abgespielte englische Fassung der Show am beeindruckendsten. Das Event spielt mit der Tiefe der Architektur: Mal glühen die Kapitelle der Säulen in warmem Gold, mal versinken sie in einem mystischen Indigoblau, das die Kühle der Nacht unterstreicht. Die Erzählung verwebt geschickt historische Fakten mit der ägyptischen Mythologie und lässt die Herrscher selbst zu Wort kommen, die stolz von ihren Taten berichten.

 

Der Höhepunkt der Show findet am Heiligen See statt, jenem künstlichen Gewässer, in dem sich einst die Priester vor ihren täglichen Ritualen reinigten. Hier nehmen die Zuschauer auf einer Tribüne Platz, während die gesamte Tempelanlage im Hintergrund illuminiert wird. Selbst das Tal der Könige ergänzt, dezent beleuchtet, die Szenarie. Das Wasser des Sees wirkt wie ein schwarzer Spiegel, in dem sich die beleuchteten Ruinen verdoppeln. Wenn die Musik zu einem orchestralen Crescendo anschwillt und das Licht den Tempel in ein gleißendes Weiß taucht, versteht man, warum dieser Ort für die alten Ägypter das Zentrum des Universums war.

Karnak am Tag ist ein archäologisches Wunder, bei Nacht jedoch ein emotionales Erlebnis. Auch wenn die Show seit vielen Jahren unverändert präsentiert wird: die Atmosphäre ist einzigartig. Wer nach Luxor reist, sollte sich diesen nächtlichen Spaziergang nicht entgehen lassen – schon allein deshalb, weil die Steine in der Stille der Nacht Geschichten flüstern, die man im Trubel des Tageslichts leicht überhört.

 

Zusätzliche Fotos von der Sound & Light Show im Karnak-Tempel gibt es auf nachfolgendem Beitrag über den privaten Facebook-Account des Autors: https://bit.ly/4d0BLhm